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Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
Lebensverhältnisse
ist aber nur dann praktisch
durchführbar, wenn ihr eine
neue Gesinnung zu Grunde liegt."
Theo Hespers 1938

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Dennis & Kim

Audio Polit-Novella "Denis und Kim"

Audio-Polit-Novela

Eine Liebesgeschichte in 12 Folgen

Kein Sex mit Nazis? Die 17-jährige Kim, seit einiger Zeit in rechtsextremen Kreisen unterwegs, und der ebenfalls 17-jährige Dennis, Gymnasiast mit gänzlicher anderer Weltanschauung, verlieben sich Hals über Kopf. Die Geschichte nimmt ihren Lauf … Eine Audio-Novela der Bundeszentrale für politische Bildung.

 Logo Bundeszentrale für politische Bildung

Alle Folgen zum Herunterladen

Dennis & Kim - Der Trailer | Trailer herunterladen (mp3, 1,66 MB)

Folge 1: Und Bäng! | 6 Min. 04 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 8,34 MB)
Folge 2: Falsche Seite | 4 Min. 46 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 6,55 MB)
Folge 3: Vollmacke | 5 Min. 57 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 8,18 MB)
Folge 4: Bekenntnisse | 6 Min. 01 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 8,26 MB)
Folge 5: Es knallt | 5 Min. 17 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 7,26 MB)
Folge 6: Versöhnung | 5 Min. 11 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 7,12 MB)
Folge 7: Fliegen | 5 Min. 26 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 7,48 MB)
Folge 8: Im Bett mit Nazis | 6 Min. 04 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 6,55 MB)
Folge 9: Guten Abend Frau Baumann | 4 Min. 35 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 6,30 MB)
Folge 10: Nur noch einmal | 6 Min. 53 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 9,46 MB)
Folge 11: Du bist raus! | 4 Min. 37 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 6,35 MB)
Folge 12: Komm zurück | 6 Min. 33 Sek. | Folge herunterladen (mp3, 8,99 MB)

 

Rückschau auf den 27. Januar 2018

Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

(Internationalen Holocaust-Gedenktag)

Foto: Neues Ernst-Christoffel-HausIm neuen Ernst-Christoffel-Haus, dem evangelischen Gemeindehaus an der Wilhelm-Strauß-Straße in Mönchengladbach-Rheydt, fand die diesjährige Gedenkstunde für alle Opfer des National- sozialismus statt.

 

Eingeladen hatten die beiden Mitgliedsvereine des "Gladbacher Haus der Erinnerung", die Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit und die Theo-Hespers-Stiftung.

Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt dazu, sie zu wiederholen

(Georg Santayama, spanischer Philosoph, 1863 – 1952 | und von weiteren Menschen)

Lesen Sie die beiden Referate von Prof. Dr. Beate Küpper, Hochschule Niederrhein, - sie spricht über den aktuellen Antisemitismus und informiert über die Empfehlungen des zweiten unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages, in dem sie Mitglied war und von Karl Boland, Politologe, - er erinnert an einige historische Ereignisse der Weimarer Republik, insbesondere in den Jahren 1923 bis 1933, oder

megaphon 20pxhören Sie sich die Tonaufnahmen der Veranstaltung an.

Musikalischer Rahmen: Jürgen Löscher/Bassklarinette

 

Programm

zur Begrüßung von Ferdinand Hoeren megaphon 20pxAnhören

zum Redebeitrag von Karl Bolandmegaphon 20px Anhören

zum Redebeitrag von Prof. Dr. Beate Küpper megaphon 20pxAnhören

Musik megaphon 20px "Sarabande" | "The Wedding Waltz" | freie Improvisation |1. Etüde aus den "48 Etüden für Klarinette"

zu den Informationen der Musikbeiträge

 Bild1Podium

megaphon 20pxErstes Musikstück von Jürgen Löscher "Sarabande"

Fragen:

  • Wie ist das aktuelle Klima einzuschätzen?
  • Helfen Lehren aus der deutschen Geschichte, mit dieser Situation umzugehen?
  • Was können, was müssen Demokraten tun?

Bild: Ferdinand HoerenFerdinand Hoeren, Vorsitzender GHE e.V./THS e.V.

Begrüßung

Anhören

Sehr geehrte Damen und Herren, im Namen des „Gladbacher Haus der Erinnerung“ begrüße ich Sie herzlich zu unserer heutigen Gedenkstunde. Heute am 27. Januar ist seit 1997 der gesetzlich verankerte Deutsche Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus. Diesen hat Bundespräsident Roman Herzog eingeführt als Tag des Erinnerns mit dem Ziel, dass solche menschenverachtenden Verbrechen niemals wieder geschehen dürfen. Zugleich ist er der Holocaust-Gedenktag, den die UNO im Jahr 2005 zum 60. Jahrestag der Befreiungdes Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 beschlossen hat.

Wir, das „Gladbacher Haus der Erinnerung“ fühlen uns verpflichtet für diesen Tag eine Gedenkstunde zu organisieren.

Die gesellschaftspolitischen Ereignisse im Jahr 2016 hatten uns bewogen, den 27. Januar 2017 unter einen Ausspruch von Bertolt Brecht zu stellen:

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Wegen der Ereignisse in 2017 haben wir ein Zitat des spanischen Philosophen Georg Santayama gewählt:

„Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt dazu, sie zu wiederholen“.

Dazu möchte ich ganz besonders begrüßen: Unsere Referentin Frau Prof. Dr. Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein, die Mitglied des zweiten unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages war, und unseren Referenten , den Politologen, Herrn Karl Boland sowie unseren Künstler und Musiker, Herrn Jürgen Löscher. Sehr geehrte Damen und Herren, ich hoffe, wir werden in dieser Gedenkstunde an Bekanntes erinnern und Neues erfahren, das uns sowohl nachdenklich stimmt als auch zum Handeln bewegt.

 

megaphon 20pxZweites Musikstück von Jürgen Löscher "The Wedding Waltz"

 

Bild2 Referent Karl BolandKarl Boland, Politologe

Einige Bemerkungen zum politischen Aufstieg der NSDAP und zum Untergang der Weimarer Demokratie

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Ich bin für heute eingeladen worden, um als Mitglied des Vorstandes der Theo-Hespers-Stiftung einige Ausführungen zu machen zum Problem des Aufstiegs der NSDAP zur politischen Herrschaft im Laufe der Weimarer Jahre bis 1933. Ich will dies tun mit einem gewissen Seitenblick auf die damaligen Verhältnisse in Mönchengladbach und Rheydt. Ich glaube, wir können einige Zusammenhänge besser erkennen, wenn wir uns den Weg der NSDAP von einer Gruppe politischer Abenteurer am rechten Rand der bayerischen nationalistischen Rechten zu einer radikalen und straff organisierten Partei mit Massenanhang, mit einer Parteimiliz und Kontakten bis in höchste gesellschaftliche Kreise, vor Augen führen. Eine Partei, die spätestens ab 1930 die politische Szene im Deutschen Reich lautstark beherrscht, im rechten Lager den politischen Stil vorgibt und weitgehend überall in politischen Kämpfen mit Gewaltaktionen und viel Rummel präsent ist.

Ich will beginnen mit den Voraussetzungen für die politische Situation im Weimarer Staat, die im Ersten Weltkrieg entstanden sind.

Das, was die Nazi-Partei als den „Nationalen Sozialismus“ bezeichnete, entstand in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges 

Der Untergang des Deutschen Kaiserreichs nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war für die bürgerliche Welt – und nicht nur diese – mit einer Traumatisierung verbunden. Hatte man doch geglaubt, mit diesem Krieg in recht kurzer Zeit die Welt von der deutschen Überlegenheit zu überzeugen und noch dazu mit Hilfe von Gebietsgewinnen in West und Ost und großen Reparationszahlungen v.a. aus Frankreich eine deutsche Vorherrschaft in Europa zu errichten. Der Krieg war eine ideologisch begründete Mission und dazu auch noch ein Geschäftsmodell: Die Bürger konnten sich über den Kauf von Kriegsanleihen an diesem Unternehmen gewinnbringend beteiligen. Das, was die Nazi-Partei als den „Nationalen Sozialismus“ bezeichnete, entstand in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Jene vermeintliche Aufhebung der Klassengesellschaft im Zeichen der Soldatenkameradschaft und der gemeinsam erlebten Nähe zum Tod. Und das sog „Augusterlebnis“, jene gemeinsame Kriegsbegeisterung insbes. im jungen bürgerlichen Männerpublikum nach dem kaiserlichen Mobilisierungsbefehl im August 1914 sollte als „Volksgemeinschaft“ von der Nazi-Partei nach der sog. Machtergreifung 1933 auf Dauer gestellt werden – nichts weniger war das Projekt dieser Partei. Sie verstand das als ein groß angelegtes Erziehungsprojekt. Die Niederlage des Krieges wurde mit der sehr populären „Dolchstoßlegende“ gedeutet. Demnach war das deutsche Heer im Felde unbesiegt geblieben und die Niederlage resultierte aus defätistischen Machenschaften der Sozialdemokratie und politischer Konspiration sog. „internationaler Kreise“, womit das Judentum und der römische Katholismus gemeint waren. Diese Feinddefinition war damals in deutschnationalen Kreisen Konsens und wurde von der Nazi-Partei später mit blutiger Gewalt vollstreckt: Deren Lehre aus dem Ersten Weltkrieg hieß: eine Revanche für den verlorenen Krieg wird und muss es geben – allein schon wegen der Millionen deutscher soldatischer Kriegsopfer, die man als unbedingt verpflichtendes Erbe des Krieges ansah, und bevor diese Revanche praktisch in Angriff genommen konnte, musste die innere Opposition im Deutschen Reich physisch und ideologisch unschädlich gemacht werden. Davon ließ sich die Nazi-Partei zu keinem Zeitpunkt abbringen. Einer der radikalsten Ideologen des „totalen Krieges“, der zwischen Kriegsfront und Heimatfront und zwischen Soldaten und Zivilisten zum Zwecke der Kriegsmobilisierung keinen Unterschied mehr gelten lassen wollte, war Erich Ludendorff, der zusammen mit Paul von Hindenburg im Weltkrieg ab 1916 die mit quasi diktatorischer Macht agierende 3. „Oberste Heeresleitung“ gebildet hatte. Ludendorff war bei dem von Hitler inszenierten Putschversuch, dem „Marsch auf die Feldherrenhalle“, im November 1923 in München dabei. Er war der Mann, der die Dolchstoßlegende in die Welt gesetzt hatte und den Mythos von der Machbarkeit eines erfolgreichen Revanchekrieges begründete, wenn man nur das Problem der „internationalen Verschwörung“ in den Griff bekäme.

Die rechtsradikalen Gewalttäter erfuhren in diesem Zusammenhang von der Rechtsprechung eine deutliche Schonung gegenüber den Gewalttätern von links 

Bild5AuditoriumDie ersten Jahre der Republik von Weimar waren von Bürgerkriegsszenarien und politischen Attentaten in verschiedenen Regionen des Deutschen Reiches gekennzeichnet. Hier muss man die Namen Matthias Erzberger und Walter Rathenau nennen, gegen die man von rechts als sog. „Erfüllungspolitiker“ oder „Novemberverbrecher“ maßlos agitiert hatte. Die rechtsradikalen Gewalttäter erfuhren in diesem Zusammenhang von der Rechtsprechung eine deutliche Schonung gegenüber den Gewalttätern von links. Hitler zog sozusagen als „Ehrenmann“ nach seiner Verurteilung in die Festung Landsberg ein und verlies diese vorzeitig wieder, um dann den sog. Legalitätskurs seiner Partei zu entwickeln. Die Reichsregierungen arbeiteten damals bereits mit Sondervollmachten des Reichspräsidenten, die der Art. 48 der Reichsverfassung möglich machte und womit man den Reichstag auf Zeit ausschalten konnte. Dies war keine Besonderheit in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Nur in den frühen Jahren wurde diese Präsidialvollmacht nicht genutzt, um eine Regierung an die Macht zu bringen, die klar ankündigte, die demokratische Republik abschaffen zu vollen.

Die Schuldigen an der deutschen Inflation waren die Siegermächte des Weltkrieges 

Ein weiterer Schritt in der Abwendung breiter Wählermassen von der Weimarer Demokratie ist mit den Umständen und den Folgen der Inflation im Jahre 1923 verbunden. Die Jahre der Inflation waren die Zeit der Glückritter, Spekulanten und Konzerngründer – die alltägliche Kriminalität stieg zum Schluss ins Astronomische. Breite Volkskreise wurden im Zuge der Währungsreform 1924 materiell enteignet. Alle, die Kriegsanleihen gezeichnet hatten, Sparkonnten oder Hypothekenforderungen besaßen oder nominale Geldleistungen erhielten, standen vor dem Nichts. Auch hier war wieder schnell ein Mythos aus der rechten Propaganda zur Hand: Die Schuldigen an der deutschen Inflation waren die Siegermächte des Weltkrieges mit ihren maßlosen Reparationsforderungen und das internationale Geldjudentum. Mit der Inflation verbunden war ein erster spürbarer Schub des populären Antisemitismus in den Weimarer Jahren. In den Augen derjenigen, die sich als die Opfer der Inflation sahen, war die Republik weitgehend diskreditiert.

Der Konfessionsfaktor war im Weimarer Staat ein harter Indikator für die Zugehörigkeit zum sog. „nationalen Lager“

Als ein „Wetterleuchten“ für die weitere Entwicklung der Weimarer Republik auf ihrem Weg zu ihrem Niedergang kann man das Ergebnis der Reichspräsidentenwahlen von 1925 deuten. Nach dem Tod von Reichspräsident Friedrich Ebert wurde im zweiten Wahlgang von einem aus rechten Kreisen bestehenden Interessentenkreis Paul von Hindenburg, der populäre Generalfeldmarschall und Held des Ersten Weltkrieges, als Wahlkandidat aufgestellt und propagiert. Hindenburg hatte die Kandidatur nur wiederstrebend angetreten und galt eher als Stellvertreter des im Exil weilenden Kaisers, denn als Vertreter der Republik. Aus seiner Distanz zum Parteienstaat und seiner monarchistischen Grundeinstellung machte Hindenburg nie einen Hehl. Die Tragik dieser Wahl bestand auch darin, dass es den Gründungskräften der Weimarer Republik, nämlich Sozialdemokratie, Zentrum und DDP zwar gelang, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen, doch es reichte nicht. Der Zentrumsmann Wilhelm Marx hätte alle Chancen gehabt, die Wahl für sich zu entscheiden, doch die Bayerische Volkspartei – sozusagen eine Schwesterpartei des Zentrums, unterstützte Marx nicht. So gewann der Republikgegner Hindenburg die Wahl und über seine weitere tragische Rolle wissen wir Bescheid. Er ist der Mann, der im Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte. In Rheydt bekam Hindenburg relativ deutlich mehr Wahlstimmen als in Mönchengladbach, obwohl in beiden Städten das Zentrum bei Wahlen die stimmenstärkste Partei war. Das lag an der monarchistisch und preussisch-protestantischen - also deutschnationalen Grundeinstellung, die in Rheydt immer deutlich zu spüren war. In Mönchengladbach herrschte eher ein linkskatholisches Milieu vor. Diese gerade erwähnte Grundhaltung zog sich bis zu den letzten Wahlen im Frühjahr 1933 durch. In Rheydt bekam das rechte Lager, das am Ende so gut wie gänzlich von der NSDAP aufgesogen war, relativ immer ca. 10% mehr Stimmen als in Mönchengladbach. Der Konfessionsfaktor war im Weimarer Staat ein harter Indikator für die Zugehörigkeit zum sog. „nationalen Lager“. Der deutsche Protestantismus fühlte sich im Kaiserreich und in der Republik immer mehr dem „nationalen Zusammenhalt“ der Deutschen verpflichtet als es bei den Katholiken üblich war. Dieser suchte die Gemeinsamkeiten der Deutschen eher im „sozialen Bereich“ und hielt sich deswegen von deutschnationalen Umtrieben fern. Das war auch der Grund für die sehr unterschiedliche Haltung von Protestanten und Katholiken zur Nazi-Partei.

Der Weimarer Staat kannte die Todesstrafe 

Ebenso aufschlussreich für die immer weiter nach rechts driftende Stimmung in der Gesellschaft des Weimarer Staates war die Frage der Praktizierung der in der Rechtsprechung weiterhin ausgesprochenen Todesstrafe. Der Weimarer Staat kannte die Todesstrafe, die Gerichte sprachen sie auch aus, doch wurde sie nur noch gegen ganz wenige spektakulär verurteilte Gewalttäter exekutiert – hier nenne ich mal die beiden Massenmörder Kürten aus Düsseldorf und Harmann aus Hannover. Diese Haltung wurde dem Weimarer Staat in der rechten Agitation als Schwäche ausgelegt. Man sprach der Republik den Willen und die Fähigkeit ab, die Bürgerinnen und Bürger wirkungsvoll gegen Gewaltkriminalität zu schützen. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht ein Streit in der Gladbacher Lokalpresse – einmal das Naziblatt „Volksparole“ und die Zentrumszeitung „Westdeutsche Landeszeitung“ in der Zeit vor der sog. Nazi-Machtergreifung. Das Zentrumsblatt argumentierte engagiert gegen eine Ausweitung der Todesstrafe, doch die „Volksparole“ wollte in dieser Haltung nur eine Schwäche sehen – Humanität wurde als „Humanitätsduselei“ verhöhnt.

Nationale Sammlung und der Gedanke einer möglichen Revanche waren jetzt eine Botschaft, die kaum zu übersehen war 

Zum Schluss noch ein paar Sätze zu einem weiteren symbolischen Anzeichen für das Platzgreifen einer rechts-nationalistischen Stimmung in der zweiten Hälfte der Weimarer Jahre. Die Nachkriegsgesellschaft hatte nach 1918 ob der bislang vollkommen unbekannten hohen Zahl von Todesopfern einen sehr populären und bislang nie dagewesenen Denkmalskult zu Ehren der zu Tode gekommenen Weltkriegssoldaten entwickelt. Das war in mehreren der am Kriege beteiligten Länder so. Herrschte gleich nach dem Kriege noch die persönliche Trauer und die christliche Hoffnung auf´s Himmelreich vor, so wandelte sich der Stil der gewählten Denkmalstypen in die Richtung einer neuen Ausdrucksweise: nunmehr sollten die gefallenen Helden zu einer Verpflichtung aufrufen, dass der Krieg und die mit ihm verbundenen Opfer nicht sinnlos gewesen sein durften. Nationale Sammlung und der Gedanke einer möglichen Revanche waren jetzt eine Botschaft, die kaum zu übersehen war. In Mönchengladbach ist der im Herbst 1932 fertig gestellte „Löwe“ ein solches Zeichen und erst recht das im Frühjahr 1934 auf dem städt. Hauptfriedhof aufgestellte Hochkreuz mit der Aufschrift „Für alle“ waren keine reinen Trauer-Ehrenmale mehr. Das Hochkreuz war eine stilistische Anleihe am sog. „Schlageter-Hochkreuz“ auf der Goltzheimer Heide in Düsseldorf und der Satz „Für alle“ sollte klarmachen, dass die nun zur Herrschaft gekommene Nazi-Partei keinen Unterschied mehr zwischen den „feldgrauen Helden“ des Weltkriegs und den “braunen Helden“ der sog. Kampfzeit der Partei dulden wollte.

Wir erkennen also an den wenigen Beispielen, die ich Ihnen vorgestellt habe, dass die Republik von Weimar einerseits unter sehr unglücklichen Rahmenbedingungen zu leiden hatte, andererseits aber auch nicht die Kraft aufbrachte, sich entschlossen gegeben die Angriffe auf die erste demokratische politische Ordnung zu wehren. Zu sehr waren Kräfte in der Rechtsprechung, der Reichswehr, der Wirtschaft und der alten gesellschaftlichen Kräfte des Kaiserreichs daran interessiert, die Republik von Weimar zu Fall zu bringen – dies auch zusammen mit einem ungeliebten, gewalttätigen und kriegsentschlossenen Bündnispartner, der dann später alle zusammen mit in den Untergang riss. Dieses Risiko wollte man damals nicht wahrhaben.

Dieser Bündnispartner, den sich die konservativen Mächte nur vorübergehend „engagieren“ wollten, um mit seiner Hilfe die Republik niederzumachen, drehte aber innerhalb nicht eines Jahres nach seinem Machtantritt den Spieß um: mit brutaler Gewalt und koordiniert- gezieltem Vorgehen schlug er alle gegnerischen Gruppierungen nieder, zerstörte die republikanischen Institutionen und besetzte die Schaltstellen der Staatsmacht mit seinen Leuten. Die als politische Feinde oder minderwertige Existenzen definierten Menschen wurden mit Gewalt verfolgt bzw. diskriminiert. Die NSDAP tat übrigens in dieser Hinsicht nichts Unbekanntes und Überraschendes, sondern sie exekutierte nur das, was ihr „Führer“ Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ im Jahr 1924 sehr detailliert angekündigt hatte. Auch das wollten die alten Mächte nicht wahrhaben, als sie sich mit der NSDAP gegen die Republik verbündeten.

megaphon 20pxDrittes Musikstück von Jürgen Löscher eine "freie Improvisation"

 

Bild3 Beate KüpperProf. Dr. Beate Küpper, Hochschule Niederrhein

Leicht überarbeitetes Transkript des Referats bei der Gedenkstunde am 27. Januar 2018, dem Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus  Neues Christoffel-Haus, Wilhelm-Strauß-Str. 34. 41236 Mönchengladbach-Rheydt

Informationen zur Referentin:

Prof. Dr. Beate Küpper, Dipl. Psych., hat die Professur für Soziale Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein am Fachbereich Sozialwesen und ist ehemaliger Fellow der Stiftung Mercator für das Thema Rechtspopulismus im Praxisfeld Integration. Sie war bzw. ist an der Langzeitstudie Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland und Europa sowie der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligt, in der regelmäßig u.a. antisemitische Einstellungen in Deutschland erhoben werden. Sie ist Stiftungsratsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit“ für Wissenschaft und Praxis, die im Wochenschau Verlag erscheint, und war Mitglied im  2. Unabhängigen Expertenrat Antisemitismus, einberufen durch den Deutschen Bundestag.
 
Der Bericht, die Empfehlungen und die Dokumentation der Abschlusstagung des  2. Unabhängigen Expertenrat Antisemitismus aus dem Frühjahr 2017 stehen als freies Download zur Verfügung: www.annfrank.de
 
Eine aktuelle Studie der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft zum Thema Erinnerungskultur, die zum Zeitpunkt des Vortrags noch nicht vorlag, finden Sie hier: www.stiftung-evz.de

Anhören

Antisemitismus heute

Deutschland leistet sich als Staat im Grunde genommen, nicht wissen zu wollen, wie es um das Ausmaß von Antisemitismus und um das Ausmaß der Abwertung weiterer Gruppen bestellt ist.

Guten Abend,

ich weiß nicht wie es Ihnen geht, ich habe jetzt gerade zwei Dinge im Ohr. Ich habe Ihren letzten Satz im Ohr, Karl Boland. Sie haben mit dem Blick in die Historie gerade von den alten, großen Mächten gesprochen, die nicht wahr haben wollten, was passiert. Ich habe außerdem Ihre – Jürgen Löscher – Tonfolge der Klarinette im Ohr, diesen abschwellenden Ton, diesen beißenden wirklich auch schmerzhaften hohen Töne. Und ich glaube das ist genau der Grund warum wir heute hier zusammengekommen sind, zu dieser Gedenkstunde. Ganz herzlichen Dank für diese Einladung.

Gedenken

Wir sind ja zusammengekommen um zu gedenken. Gedenken heißt erstmal innehalten, heißt sich zu erinnern und heißt sicherlich auch über sich selber nachzudenken. Und möglicherweise über das, was heute in vielen von uns an Gedanken, an Abwertungen vielleicht auch an pauschalen Abwertungen ganzer Bevölkerungsgruppen in den Köpfen herum schwebt und möglicherweise sich auch in Handlungen ausdrückt. Wenn wir gedenken, dann tun wir das an so einem Tag wie heute, in allererster Linie mit Blick auf die Opfer. Wir tun das, leider, wie ich finde, häufig immer noch eher mit Blick auf die Opfer und nicht so sehr im Austausch und im Gespräch mit Angehörigen der Gruppen, die ausgegrenzt und verfolgt wurden und werden, was nicht immer einfach ist. Gedenkveranstaltungen wie diese sind, das fällt mir immer häufiger auf, oft wenig divers. Wenn wir eine Einwanderungsgesellschaft sind und das ernst nehmen, wir also in einer diversen, vielfältigen Gesellschaft leben und dies anerkennen, stellt sich die wichtige Frage, wie gestalten wir Gedenken in Zukunft? Gedenktage wie diesen machen wir ganz sicher auch, um hoffentlich etwas aus der Vergangenheit zu lernen. Denn der Holocaust hat auf das Furchtbarste gezeigt, wozu dieses Land, wozu überhaupt Gesellschaften und Menschen fähig sind. Wir wissen aus vielen Studien der Sozialpsychologie, dass es dabei zum einen auf individuelle Haltungen ankommt, dass dabei aber auch die Wirkmächtigkeit von Situationen und des Kontexts eine Rolle spielen. Und dass wir uns als Mensch in Gruppen, und wenn die Situation und die Kontexte dies befördern, vielleicht auch gegen unsere Haltungen verhalten, dass wir einfach mitlaufen, wir uns nicht wirklich einfach aktiv couragiert entgegenstellen, im Alltag nicht den Mund aufmachen, vielleicht auch mitlachen, wenn ein abfälliger Witz oder eine abfällige Bemerkung über ganze Gruppen gemacht wird und irgendwann dann auch die abwertenden Meinungen übernehmen und weitertragen. Und wir uns dabei dann dem gefühlten Druck der Mehrheit anschließen und hinterherlaufen. Wir wissen aus vielen Studien, dass das ganz wichtige Faktoren sind, neben dem was wir so als Haltung ausmachen können. Es reicht also nicht zu sagen, ich bin nicht antisemitisch, sondern es kommt auch darauf an, dieser Haltung im Alltag Konsequenzen folgen zu lassen. Ich fürchte, zumindest geht mir das so, dass viele von uns nicht mit Sicherheit sagen können, wie sie sich damals verhalten hätten, und deswegen ist es so wichtig, daraus zu lernen, und dabei eben auch auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu schauen.

Wir gedenken heute der Opfer des Nationalsozialismus, wir gedenken heute der Jüdinnen und Juden, die sich oft als ein ganz selbstverständlicher Teil der Gesellschaft verstanden haben. Wir gedenken der Sinti und Roma, die wir auch heute oft übersehen und vergessen, der homosexuellen Menschen, der Menschen mit einer Behinderung und schlichtweg jenen, die als asozial markiert worden sind, die die nationalsozialistische deutsche Gesellschaft zu Opfern gemacht hat, die verfolgt und ermordet wurden. Und haben uns dazu hier im Neuen Christoffelhaus versammelt.  Das Leben und Wirken von Ernst Christoffel erinnert uns mit Blick auf heute daran, dass in unsere Gesellschaft nach wie vor Personen und Gruppen systematisch ausgegrenzt werden, aufgrund von ethnischen, kulturellen oder religiösen Zuschreibungen, ihres Geschlechts oder ihrer geschlechtlichen Identität, aufgrund einer Behinderung oder schlicht, weil sie als irgendwie „anders“, „fremd“ oder „unnormal“ angesehen werden. Und dass sie eben nicht als gleichwertig gelten und auch nicht immer als gleichwertig behandelt werden, ihnen gleichwertige Teilhabe mindestens erschwert und in manchen Fällen sogar verweigert wird, sie im schlimmsten Fall sogar mit Gewalt konfrontiert sind.

Gewalt

Der Verfassungsschutzbericht 2016 berichtet davon und spricht von einem dramatischen Anstieg politisch motivierter, rechtsextremer Gewalt, die sich insbesondere gegen geflüchtete Menschen richtet, aber beispielsweise auch gegen wohnungslose Menschen. Und er berichtet davon, dass die Täter_innen, in erster Linie sind es bei Gewalttaten männliche Täter, die Frauen stacheln mit an, nicht mehr nur aus der ausgewiesen rechtsextremen Szene kommen, sondern zunehmend auch solche Menschen sind, die vorher nicht weiter auffällig geworden sind. Sie erinnern sich vielleicht noch an den Fall eines Finanzbeamten aus einem Niedersächsischem Dorf, der einen Molotow-Cocktail auf ein Flüchtlingsheim geworfen hat, dem vermutlich noch nicht einmal klar war, dass er damit eine hochkriminelle Tat begeht, dass er hier möglicherweise Menschen umbringt – vielleicht dachte er verteidigt das christliche Abendland. Beobachten lässt sich auch eine zunehmende Bedrohung von Unterstützer_innen von Geflüchteten, aber auch ansonsten von Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus und für Gleichwertigkeit engagieren. Dieses Engagement wird übrigens derzeit lächerlich gemacht und verhöhnt, beispielsweise auch unter einem Terminus wie „Genderideologie“. Vielleicht haben Sie in der Zeitung von den aktuellen Ereignissen in Cottbus gelesen. Die zeigen uns schon, wo es hingehen kann. Besonders problematisch ist, wenn daraufhin ein Oberbürgermeister als Konsequenz der Angriffe von Rechtsextremen auf Geflüchtete sagt, es sollen erstmal keine neuen Geflüchtete nach Cottbus kommen. Wir hier im tiefsten Westen müssen allerdings aufpassen, nicht arrogant zu sein, weil wir meinen, dass es das nicht bei uns gibt. Anfänge davon haben wir hier nämlich auch. Auch in einigen Orten des Niederrheins gibt es harte, organisierte Rechtsextreme, die sich als „Bündnisse besorgter Bürger“ oder „Heimatbündnisse“ tarnen bzw. dahinter verstecken.

Das Problem an der Gewalt ist, dass sie recht schwer zu fassen ist. Das gilt auch für antisemitische Straftaten. Laut Aussage des Bundeskriminalamts wird nach wie vor der Großteil antisemitischer Gewalt- und Straftaten aus der rechtsextremen Szene bzw. von rechtsextrem motivierten Tätern verübt, während die jüdische Community von zunehmenden Gewalttaten von Tätern mit Einwanderungshintergrund aus Ländern des Nahen Ostens berichtet. Das Problem dabei ist, Gewalt ist in der Kriminalstatistik nicht so leicht zu erfassen bzw. wird dort unzureichend abgebildet. Denn Straf- und Gewalttaten muss erst einmal jemand zur Anzeige bringen, da fallen einige Täter mehr, andere weniger auf. Und Gewalt muss dann, wenn sie zur Anzeige gebracht wird, von den zuständigen Polizeiämtern, wo die Anzeige erfolgt ist, auch in die Kategorie „rechtsextrem“ eingeordnet werden. Wir wissen von Analysen der Amadeo-Antonio-Stiftung und Jounalist_innen, u.a. von Frank Jansen vom Berliner Tagesspiegel, dass seit der Wende mindestens 182 Menschen umgebracht worden sind, weil sie einer Gruppe zugewiesen wurden, die man irgendwie nicht leiden kann, weil sie präsent waren im öffentlichen Raum, weil sie beispielsweise wohnungslos waren und nachts im Park waren, weil sie eine Behinderung hatten und sich nicht wehren konnten, weil sie jüdisch oder homosexuell waren oder dafür gehalten wurden, weil sie schwarz waren. Wir erinnern und wir erschrecken uns immer bei diesen Fällen – ich erinnere nochmal an die NSU –  aber so richtig aufgerüttelt hat das die breite Mehrheitsgesellschaft nicht. Und es passiert noch etwas Interessantes, wir grenzen das Geschehene ab vom Rest der Gesellschaft. Auch bei der NSU sind wir ganz froh, dass das nur drei waren und nicht mehr. Die Frage an die Gesellschaft „Was bedeutet das, dass das möglich war?“, wird im Grunde nicht wirklich laut gestellt.

Alltagsrassismus

Außer diesen dramatischen Ereignissen erfahren Menschen, die markiert werden aufgrund ihrer kulturellen Herkunft oder weil sie schwarz sind, weil sie jüdisch oder homosexuell sind oder eine Behinderung haben ganz viel an Alltagsrassismus, was vielfach unter dem Radar der nicht unmittelbar Betroffenen bleibt. Die Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes hat Anfang des Jahres eine repräsentative Studie dazu herausgegeben. Dort berichtet jeder dritte Befragte in den letzten Jahren auf die eine oder andere Weise Diskriminierung erlebt zu haben sei es aufgrund des Alters, aufgrund des Geschlechts, insbesondere berichten dies aber eben Menschen mit einem sogenannten erkennbaren Migrationshintergrund. Diese haben Diskriminierung noch deutlich häufiger als andere erlebt. Dort sehen wir – und das sehen wir auch beim Antisemitismus – eine klassische Perspektivendivergenz. Diejenigen von uns, die nicht auf dem ersten Blick einer markierten Gruppe angehören, kriegen ganz viel nicht mit. Wenn Sie selber schwul sind, lesbisch oder schwarz, oder eine Behinderung haben, dann denken Sie möglicherweise häufig: „Ach, so schlimm ist das nicht, mal so ein Spruch“. Sie aber hören nur „mal“ so einen Spruch. Sie hören ihn nicht fünfmal am Tag, weil sie nämlich gar nicht anwesend sind. Wir alle wissen, wenn wir als Kind mal gemobbt oder geärgert wurden, weil wir dick waren, komische Namen hatten oder eine Brille trugen, wie weh das tut und wie überhaupt nicht lustig das ist, wenn man es nicht „mal“ erfährt, sondern jeden Tag und jeden Tag gehäuft. Das ist was wir, auch beim Antisemitismus, eine typische Perspektivendivergenz nennen. Die Mehrheit der Bevölkerung sagt häufig: „Ach, so wild ist das doch gar nicht!“. Wenn man selber betroffen ist, sieht die Welt ganz anders aus.

 

Wie Jüdinnen und Juden heute Antisemitismus erfahren

Für Jüdinnen und Juden heute, bedeutet Antisemitismus eben auch im Alltag Antisemitismus zu erfahren, sei es ganz direkt als Spruch an der Supermarktkasse und zwar gar nicht, weil man unbedingt gerade als Jüdin erkennbar geworden ist, sondern weil es ganz allgemein um „die Juden“ geht, die „in der Welt zu viel Einfluss hätten“, oder weil man in den sozialen Medien oder anderen Medien etwas über sie liest, verzerrte Vorstellungen von Israel, die Israel diabolisieren, an den Pranger stellen und das kleine Land, das so groß ist wie Hessen, als die Gefahr für den Weltfrieden darstellen. Das ist etwas, was Jüdinnen und Juden jeden Tag erleben, wenn sie die Medien aufschlagen. Wir haben im Rahmen des 2. Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus eine Studie in Auftrag aufgegeben, durchgeführt von Andreas Zick und Julia Bernstein, in der über 500 Jüdinnen und Juden nach ihren Erfahrungen und Sichtweisen auf den Antisemitismus und auch nach ihren Alltagserfahrungen befragt wurden und da war gerade das Thema Antisemitismus in den Medien sehr wichtig. Wenn man Jüdinnen und Juden fragt, wie sie Antisemitismus erleben - und das wissen wir ähnlich auch von anderen sozialen Gruppen – dann ist ein ganz wichtiger Punkt, der vielfach unter dem Radar bleibt, als nicht dazugehörig betrachtet und fremd gemacht zu werden. Das beginnt beim Sprechen über Deutsche und Juden. Ähnlich hören wir in den Nachrichten – auch von etablierten Nachrichtensprecher_innen – von „Deutschen und Muslimen“. Und das in einer Einwanderungsgesellschaft, in der Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und religiöser Bindungen leben. In der ebenfalls in Auftrag gegebenen qualitativen Studie hat ein Jugendlicher über die vielen Fernsehteams gesprochen, die in der jüdischen Oberschule in Berlin aufschlagen und die jüdischen Schüler befragen. „Fühlst du dich wohl in Deutschland?“ würde man ein nichtjüdisches deutsches Kind wohl nicht fragen, sagte er. Und er ergänzte: „Wenn du das fünfmal gefragt wirst, dann weißt du, dass du nicht dazugehörst“. Und das war nicht böse gemeint von dem Fernsehteam. Aber das ist jemanden anders machen, Jemanden fremd machen. Eine häufige Erfahrung ist für Jüdinnen und Juden auch, für die israelische Politik verantwortlich gemacht zu werden: „Was macht ihr denn da in Israel?“. Dazu sagt eine befragte junge Frau: „Ich bin hier geboren. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich bin nicht Botschafterin des Landes Israels“. Das sind ganz typische Alltagserlebnisse, von denen die Befragten erzählen. 61 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden berichten im letzten Jahr, auf die eine oder andere Weise Antisemitismus erfahren zu haben, zum Beispiel auch als versteckte Andeutung von Nachbar_innen, Kolleg_innen, im Freundeskreis. Fast 30 Prozent der Befragten haben verbale Beleidigungen und drei Prozent körperliche Gewalt erfahren.

 

Antisemitismus ist tief eingebacken

Antisemitismus, die Feindschaft gegen Juden als Juden, verknüpft mit einem Verschwörungsmythos, der die Welt, der Krisen scheinbar hilft zu erklären, ist tief eingebacken und erfährt auf erstaunlich ähnliche Art und Weise über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Konjunktur. Wenn sie sich jetzt beispielsweise Ungarn anschauen, da wird George Soros für alles Mögliche verantwortlich gemacht. Und auch bei den PegidaDemonstrationen, bei den sogenannten Friedensdemonstrationen und Mahnwachen schwingt in vielen Reden oder im Internet immer wieder die Chiffre einer jüdischen Weltverschwörung mit. Ein Verschwörungsmythos, der uralt ist, den wir schon seit Ewigkeiten kennen. Und deswegen ist die Frage „Wo kommt denn Antisemitismus her?“ falsch. Es muss viel mehr heißen: „Wo soll er denn hin sein?“. Was sich hier seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden tief eingegraben hat in die Kultur, ist nicht einfach weg. Dennoch sind wir immer wieder erstaunlich überrascht, wenn wir antisemitische Vorfälle haben. Wir müssen daran denken, dass Antisemitismus jederzeit aktivierbar ist, wenn es gerade günstig erscheint, und auch instrumentalisierbar. Das konnten wir - ich komme gleich noch einmal darauf zu sprechen – bei der Debatte im Bundestag über das Thema „Antisemitismusbeauftragter“ und die weiteren Forderungen sehen. Deswegen haben wir als Expertenrat gesagt, dass wir einen Antisemitismusbeauftragten brauchen. Wir haben es lange abgewogen – es gibt auch gute Gründe dagegen - aber wir haben uns schließlich dafür entschieden, weil es unsere Hoffnung ist, dass Antisemitismus nicht immer mal nur als Folge einer Konjunktur, wenn es gerade in den Kram passt, oder wenn es einen Vorfall gab, sondern als Thema immer Beachtung findet und auch Jüdinnen und Juden eine Vertrauensperson als Ansprechpartner haben. In Großbritannien und Frankreich gibt es diesen beispielsweise schon.

 

Verbreitung von Antisemitismus heute

Nein, der Antisemitismus an sich steigt nicht. Wir können dies zumindest in den Einstellungen der breiten Bevölkerung im Durchschnitt über die letzten Jahre so nicht feststellen. Aber er bleibt beständig vorhanden und ich sagte es schon, er kann immer wieder reaktiviert werden, so die Beobachtungen der letzten Jahrhunderte. Neun Prozent, immerhin fast jeder Zehnte, stimmen in der letzten Erhebung 2016 der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, durchgeführt von Prof. Andreas Zick und Kolleg_innen vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, nach wie vor der Aussage zu „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss“. 26 Prozent sagen: „Viele Juden versuchen aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen“. Da sehen wir diesen uralten antisemitischen Stereotyp, die Unterstellung der Vorteilsnahme, und wir sehen auch das klassische Muster der Täter-Opfer-Umkehr, welches nämlich besagt, die Juden seien im Grunde genommen die Täter. Das ist ein ganz klassisches Muster, das sich durch viele Facetten des Antisemitismus zieht. Fast 30 Prozent sagen: „Bei der Politik die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“. Auch hier ein ganz typisches Muster, pars pro toto, Juden werden per se verantwortlich gemacht. Israel fungiert sozusagen als Jude unter den Völkern. 40 Prozent sagen: “Das, was die Juden heute mit den Palästinensern machen, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis mit den Juden gemacht haben“. Also Gleichstellung und Ziehung einer Parallele, hier wird eine Kritik an Israel unterfüttert mit beinhartem Antisemitismus. 55 Prozent – und da sind wir beim heutigen Tag des Gedenkens – und damit über die Hälfte der Befragten sagten im Jahr 2014: „Ich ärgere mich darüber, dass die Deutschen Verbrechen den Juden vorgehalten werden“. Auch hier sehen wir, sozusagen eine angedeutete Täter-Opfer-Umkehr. Ich bin jetzt das Opfer, weil ich mich jetzt immer mit den Verbrechen der Vergangenheit beschäftigen muss.

 

Abwertung weiterer sozialer Gruppen

Wir beobachten auch eine weite Verbreitung von pauschaler Abwertung weiterer Gruppen, die auch in der Zeit des Nationalsozialismus zu den Opfergruppen zählten. So sagen beispielsweise 38 Prozent im Jahr 2016: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. Immerhin nur jeder Zehnte sagt: „Homosexualität ist unmoralisch“, also ein Verweigern von gleicher Moral – wenn man die Abwertung von homosexuellen Personen etwas subtiler abfragt, ist die Zustimmung deutlich höher. Moral ist vielen Menschen sehr wichtig und gilt auch in unserer Gesellschaft als ein sehr wichtiges Kriterium, für das wir Würde und Respekt bekommen oder für das uns eben Würde und Respekt genommen wird. 13 Prozent, das ist fast jeder Siebte bis Achte, stimmt im Jahr 2016 der Aussage zu: „Die Weißen sind zurecht führend in der Welt“. Dies ist beinharter biologistisch argumentierter Rassismus, der auch wieder in Aufschwung ist. Jeder Dritte – und damit ist es eine weit verbreitete Auffassung – sagt: „Wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben als die, die später zugezogen sind“, und da sehen wir, dass das dann auch nicht nur in den Einstellungen verbleibt, sondern schon ganz nah an der Aufforderung zum Handeln ist. Wenn Sie auf Österreich schauen, wird deutlich wie dies dann auch in Gesetze einfließen kann, wie dies Ruth Wodak, der große weise Frau der europäischen Vorurteilsforschung in ihren Analysen über die letzten 30 Jahre in Österreich beobachtet. Was wir auch sehen sind neue Formen und vielleicht auch gar nicht so neue Formen von Verschwörungsmythen. 40 Prozent stimmen der Aussage “Deutschland wird durch den Islam unterwandert“ zu, also etwas, was sich neurechten Ideologie zugordnen lässt und aus dieser Ecke verbreitet wird. Ich spreche jetzt von „neurechts“ als Sammelbegriff für alle möglichen Ströme, die sich dort verordnen lassen. Deswegen haben wir als Antisemitismus-Expertenrat auch gefordert, Schnittstellen zu den Abwertungen verschiedener sozialer Gruppen zu beobachten. Es ist vielfach nicht bekannt, dass sich Deutschland als Staat leistet, im Grunde genommen nicht wirklich wissen zu wollen, wie es um das Ausmaß von Antisemitismus und um das Ausmaß der Abwertung weiterer Gruppen bestellt ist. Die Zitate, die ich Ihnen gerade gebracht habe, sind aus der Mittelstudie der Friedrich-Ebert- Stiftung. Das heißt also, dass es sich um keine staatlich geförderte Studie handelt. Es gibt kein staatliches Monitoring von diesen Abwertungen – und das muss man sich jetzt am heutigen Tag mal vergegenwärtigen – in Deutschland. So genau möchten wir es möglicherweise eben gar nicht wissen.

 

Die Forderung nach einem Schlussstrich

Wenn wir gedenken, dann müssen wir uns daran erinnern, dass Gedenken uns zum einen hilft, Muster zu erkennen und wachsam für Entwicklungen zu sein. Aber auf der anderen Seite müssen wir uns auch vor Augen führen, dass Gedenken leider nicht das Gleiche ist und auch nicht automatisch dazu führt, dass man besonders wachsam ist, und dass man besonders selbstkritisch ist. Denn leider kann Gedenken, wenn es nicht gut gemacht ist, auch dazu führen, dass die Vergangenheit als abgeschlossen betrachtet wird, nach dem Motto „Damit haben wir ja nichts mehr zu tun. Das ist ja früher gewesen“. Da machen wir mal eine Gedenkfeier und dann können wir weitermachen wie bisher und außerdem – das ist ein Dilemma für viele Gedenkstättenpädagogik – ist das Gedenken an den Holocaust ist so schrecklich, dass wir da auch aus diesem Grund nicht so viel mit zu tun haben wollen. Der Mensch möchte sich nämlich nicht so unangenehmen Dingen stellen. Dann haben wir auch mit so etwas wie Abwehrhaltungen zu tun. Da muss ich nicht psychoanalytisch werden, aber das kann man ja ganz gut nachfühlen. Mit so etwas will man lieber nicht ganz so viel zu tun haben.  Also von daher ist das mit dem Gedenken gar nicht so einfach. Ich habe gerade auf der Hinfahrt hierin einen Beitrag im Radio gehört, ein Interview mit Volkhard Knigge, dem Direktor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald, der noch einmal darauf hinwies, dass wir hier auch ganz viel über Schlussstrichmentalität sprechen. Er sprach auch von einem „weichen Schlussstrich“. Dieser weiche Schlussstrich tritt auf, wenn sich die erwachsene Mehrheitsbevölkerung eben nicht so gerne in Gedenkstätten begibt, sondern sagt: „Das ist etwas für Jugendliche. Da müssen wir eine Klassenfahrt hin machen“, oder „Das müssen jetzt Geflüchtete machen oder die Integrationskurse“, aber sich selber eigentlich nicht dazu aufgefordert fühlen. Deshalb freu ich mich, dass das Durchschnittsalter hier relativ hoch ist, weil wir genau die Richtigen sind, die sich mit dem Thema beschäftigen müssen. Sie erinnern sich, ein Schlussstrich wird heute eben auch wieder ganz offen gefordert – Sie kennen das, aber ich wiederhole es trotzdem – mit Björn Höcke einen Funktionär einer in deutsche Landtage und den Bundestag gewählten Partei, der das Holocaust Mahnmal als ein Denkmal der Schande bezeichnet, und einen Bundesvorsitzenden dieser Partei, Alexander Gauland, der fordert, die Leistung der deutschen Soldaten im Weltkrieg mehr anzuerkennen.

 

Vermeidung der selbstkritischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus

Wenn wir und noch mal die Bevölkerungsumfrage anschauen, dann haben wir neun Prozent plus noch mal acht Prozent, die ganz bzw. teilweise der Aussage „Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden“ zustimmen. Elf Prozent sagen: „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“, und acht Prozent sagen: „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“, und das sagen sie offen in einem Interview. Da kann man noch mal etwas draufzählen, Stichwort „soziale Erwünschtheit“. Antisemitismus ist auch ein Thema, das dazu einlädt, weil es so furchtbar ist, abgewälzt, instrumentalisiert und missbraucht zu werden, immer auch begleitet von der Motivation der Mehrheitsgesellschaft, sich von dem Vorwurf des Antisemitismus zu befreien, sich vor Auseinandersetzung und mit dem Antisemitismus der als eigen definierten Eigengruppe und eben auch der kritischen Selbstreflexion zu drücken.  Deswegen sagen wir leicht: „Die Jugendlichen müssen in die Gedenkstätten. Die Schulen sollen das machen“. Wir wissen aber aus Statistiken: Antisemitismus nimmt mit dem Alter und auch über die Generationen hinweg zu. Je älter die Generation, desto mehr Antisemitismus. Es gibt also einen generativen Effekt und einen Alterseffekt. Aber ganz viel, was wir an Prävention machen können, richtet sich an Jugendliche, was auch gut und richtig ist, denn da können wir ja Erfolge sehen. Die Menschen heute sind zum Glück nicht mehr ganz so antisemitisch, wie sie es mal vor etlichen Jahren waren. Präventionsarbeit kann also etwas bewirken. Wir müssen uns nur in Acht nehmen: Es geht nicht mit Schnipsen. Es ist nicht sozusagen eine „zwei-Stunden-Aktion“. Immer wieder damit beschäftigen, deshalb sind so Tage wie heute auch so wichtig. Und wir wälzen Antisemitismus eben auch gerne auf die jeweils anders Markierten ab. Im Moment ist das Thema Antisemitismus unter Muslimen ein ganz großes Thema. Sie haben es vielleicht mitbekommen, in den letzten drei, vier Wochen waren die Medien voll damit. Ich selber habe ein Interview mit dem Spiegel gemacht und habe ein Hintergrundgespräch geführt. Zu diesem Punkt wollte ich eine ausgewogene Stellungnahme abgeben, die da lautete: „Ja, Antisemitismus in der Einwanderungsbevölkerung ist ein Problem, das wissen wir. Menschen kommen aus Ländern, wo Antisemitismus, offener Antisemitismus, zum Alltag gehört. Aber gleichzeitig haben wir da auch noch viele andere Dinge, die wir beobachten müssen. Wir müssen eben hochgradig aufpassen, hier nicht bequem abzuwälzen und den Antisemitismus in der alteingesessenen deutschen Bevölkerung nicht mehr sehen zu wollen“. Dieser zweite Teil ist abgeschnitten worden aus dem Interview. Ich habe mich sehr geärgert. Das heißt, eine abwägende, balancierende Einschätzung ist gar nicht gewünscht. Es ist eher gewünscht und es wird forciert, über den Antisemitismus der jeweils anderen zu sprechen. Das hat auch schon Alexander Gauland vor einiger Zeit artikuliert: „Die Flüchtlinge bringen uns den Antisemitismus“, als ob der hier vorher nicht gewesen sei und auch nicht in seiner Partei. Und wir sehen es auch jetzt – wenn Sie sich das in der Rede von Beatrix von Storch, zur Schlussfassung zu den Empfehlungen des Expertenrats anschauen, dass es darin ausschließlich um den Antisemitismus der Muslime geht. Leider hat die Beschlussfassung des deutschen Bundestages einen Punkt den Antisemitismus bei Eingewanderten bzw. bei denen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, als ein Ausweisungsinteresse gefordert. Was machen wir da mit der breiten, nicht-eingewanderten Mehrheitsbevölkerung?

Unzureichendes Lernen über Antisemitismus

Was lernen wir über und was lernen wir vom Holocaust? Auch wenn wir wissen, dass Gedenken nicht von eigener Abwertung enthebt. Lernen wir denn genug über den Holocaust und lernen wir durch den aktuellen Antisemitismus? Wenn man sich anschaut, was in Schulen gelernt wird, muss man sagen „Nein“. Ein gängiges Lehrbuch für den Geschichtsunterricht des Cornelsen Verlags, das ungefähr 300 Seiten umfasst, behandelt den deutschen Holocaust auf ganzen acht Seiten. Aktueller Antisemitismus kommt so gut wie gar nicht vor. Wenn man sich anschaut, was in den Lehrplänen steht, ist Antisemitismus kein Thema. Deswegen haben wir als Expertenrat eine Bund-Länder-Kommission gefordert. Das hört sich so einfach an, aber ist deswegen so wichtig, weil Schule Ländersache ist und die Reaktion auf unsere Anfrage „Was ist denn mit Empfehlungen mit Blick auf Schulbildung?“ des ersten Expertenrats vier Jahre zuvor bei der Kulturministerkonferenz recht dürftig ausfiel. Und wenn überhaupt wird ein bisschen Holocaust Education betrieben. Holocaust Education ist aber keine Antisemitismusprävention. Das sind zwei verschiedene Dinge, die miteinander verknüpft, aber nicht das Gleiche sind. Und wenn man sich – und das war etwas, was wir von Seiten des Expertenrats in Auftrag gegeben haben – Vorlesungsverzeichnisse von Universitäten und Hochschulen anschaut, stellt man fest, dass sich Veranstaltungen, die explizit zum Thema Antisemitismus ausgeschrieben werden, salopp gesagt an einer Hand abzählen lassen, das gilt auch bezogen auf unseren eigenen Fachbereich Sozialwesen. Ich spreche in meinen Veranstaltungen Antisemitismus und die Abwertung und Ausgrenzung diverser sozialer Gruppen an und das tun andere Kolleg_innen auch und das werden langsam mehr. Aber auch in der sozialen Arbeit, die ja eigentlich implizit dafür da ist, Menschen, die zu ausgegrenzten Gruppen gehören, Teilhabe zu ermöglichen, werden diese Themen nach wie vor als Randthemen und nicht als Kernthemen behandelt.

Gedenkstättenbesuche

Gedenkstättenbesuche werden immer wieder gefordert. Auch jetzt wieder hat dies der Vorsetzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, mit Blick auf Antisemitismus in aus der Nah-Ost-Region eingewanderten Communities und Geflüchteten getan. Er hat damit im Prinzip Recht, aber gleichzeitig ist dies auch ein bisschen schwierig. Ich hatte gerade schon Volkhard Knigge von der Gedenkstätte Buchenwald zitiert, der ungefähr sagte: „Alles was verpflichtend ist, das wissen wir aus der Lernforschung, ist nicht sehr erfolgreich“. Das ist didaktisch nicht wirklich klug und schon gar nicht bei einem so hoch emotionalen Thema, wo es um die Bereitschaft der Selbstreflexion geht. Eben weil wir so wenig auch in der Ausbildung von Pädagog_innen über Antisemitismus sprechen, sehen wir, was da gemacht wird bei den Gedenkstättenfahrten. Vieles was gut gemeint ist, was aber nicht immer gut gemacht ist. Wenn wir jetzt fordern, dass beispielsweise geflüchtete Jugendliche unbedingt eine Gedenkstätte besuchen müssen – das gibt es schon an der ein oder anderen Stelle –, dann wird nicht darüber nachgedacht, dass wir es hier mit jungen Menschen zu tun haben, die – und das wissen wir aus Studien – zu einem erheblichen Teil unter furchtbaren Bedingungen gelebt haben, traumatisiert sind, die vielleicht ihre Eltern und Geschwister verloren haben, miterleben mussten wie jemand gefoltert wurde, die vielleicht selber aus Lagern oder Bedingungen kamen, die sehr furchtbar waren. Die kommen hier hin und haben ein sehr positives Bild von Deutschland. Sie kommen nach Deutschland, weil sie sich von Deutschland Sicherheit und Menschenrechte erhoffen. Sie haben zunächst oft ein sehr positives Bild von Deutschland, auch, weil sie häufig eben in den Kontexten, in denen sie sich am Anfang bewegen, zum Glück positiv empfangen werden. Und dann lernen sie, in was für einem furchtbaren Land sie gelandet sind. Sie erschrecken zutiefst, weil sie dachten, sie seien hier in Sicherheit. Eine Gedenkstättenfahrt muss gerade bei dieser Zielgruppe sehr wohl durchdacht sein und gerade, weil es ein so hoch emotionales Thema ist, muss dies eben für alle aufgefangen sein. Denn was wir meistens nicht bereden, ist das Hochemotionale. Und da bin ich bei der generativen Weitergabe.

Generative Weitergabe

Was ist mit dem schönen Service, mit der tollen Vitrine, die wir von der Oma geerbt haben? Wem hat die eigentlich gehört? Und wenn wir über generative Weitergaben aus dem Holocaust sprechen, dann reden wir – wenn überhaupt – über die Seiten der Opfer. Es gibt Studien, wie sehr das Geschehene nachfolgende Generationen immer noch bewegt und weitergeben wird. Wo wir aber nicht wirklich darüber reden: Auf Seiten der Täter ist auch etwas weitergegeben worden. Da tun wir immer so, als hätten die Täter einen ganz neutralen Blick, während auf der anderen Seite nicht selten unterstellt wird, die Betroffenen seien in ihrem Blick immer etwas vernebelt, weil sie ja so belastet sind. Nein, wenn wir beispielweise christlich-jüdische Begegnungen anschauen, dann steht da ein großer Elefant im Raum. Und über diesen Elefanten wird nicht gesprochen. Und das ist das Gemeinsame, die generative Weitergabe, das ist alles, was wir sozusagen mitbekommen haben, je nach dem, in welcher Lage unsere Vorväter und -mütter waren. Das begleitet uns und macht etwas mit uns.

 

Antisemitismus als Facette von Rechtspopulismus

Wie viel wollen wir wahrnehmen, wahrhaben? Aktueller Antisemitismus, aktueller Rechtsextremismus und Rechtspopulismus gehen ineinander über. Die AfD instrumentalisiert den Antisemitismus ganz explizit. Wir haben beispielsweise Erschließungsanträge im Landtag, in denen gefordert wird, Projekte zu Antisemitismus unter Muslimen unbedingt mit mehr Geld zu fördern, aber Projekte zu Rassismus bitteschön einzustellen wie beispielweise „Hass im Netz“, weil wer hätte denn da das Recht zu deuten, was Hass ist und was nicht, das wäre ja Meinungsfreiheit.

Der Zentralratspräsident Schuster hat nicht umsonst in einem Brief an die Gemeinden schon vor zwei Jahren gewarnt, die Gemeindemitglieder sollten der AfD nicht auf den Leim gehen. Da wurde nämlich ordentlich geworben, nach dem Motto „Da haben wir doch einen gemeinsamen Feind, die Muslime“. Er warnte davor und sagte, dass es jederzeit auch Jüdinnen und Juden treffen kann. In unserer Befragung in der jüdischen Community konnten wir dann deutliche Angst auch vor dem Rechtspopulismus feststellen. Mit der neuen Rechten als Sammelbegriff, sehen wir die alte völkische Ideologie im neuen Gewand jetzt wieder salonfähig werden, die Rede ist von „Volkskörpern“ und „Unvölkern“. Wir wissen aus Umfragen in einigen Regionen, dass da durchaus nicht nur wenige zustimmen, sondern, dass dies allmählich normales Reden wird. Das hatten wir schon einmal, ein Verschieben vom Denkbaren und vom Sagbaren, und ich hatte es am Anfang gesagt, wir haben eine Zunahme einer Verächtlichmachung von Menschen, die sich für Würde und Gleichstellung stark machen – Stichwort „Gutmenschen“. Und nochmal, der Begriff „Genderideologie“, der jetzt auch von der CSU aufgegriffen worden ist, das heißt, hiermit werden Gleichstellungsbemühung, die uns das Grundgesetz als Aufgabe aufgegeben hat, verunglimpft. Der Verfassungsschutzbericht spricht hier – und da habe ich mich ein wenig über die Deutlichkeit gewundert, von einem „Einsickern der neuen Rechte“. Deswegen möchte ich an das Grundgesetz erinnern, das auf den Erfahrungen aus dem Holocaust entstanden ist: Artikel 1 die Würde des Menschen, Artikel 2 alle Menschen sind gleich, geben uns den Rahmen dessen, über was wir sprechen und wie wir über Dinge sprechen. Das ist das demokratische Spielfeld, auf dem wir dann Meinungsfreiheit haben, über das wir dann aber auch nicht hinausgehen sollen. Gleichwertigkeit und Würde sind nicht verhandelbar. Da kann man dann auch keinen Diskurs drüber führen.

 

Solidarität der Menschen zu anderen Menschen als Menschen

Bald haben wir keine Zeitzeugen mehr, die unmittelbar über ihre eigenen Erfahrungen berichten können. Umso wichtiger ist es zu gedenken und zu erinnern, aber eben auch daraus eine beständige Wachsamkeit abzuleiten und eben nicht nur über Menschen zu reden, sondern mit Menschen zu reden und eben auch mit Menschen zu reden, die klassischen Betroffenengruppen angehören, was das eigentlich mit ihnen macht, wenn über sie jeden Tag so verächtlich gesprochen wird, was das an Frustration, an Enttäuschung und Verunsicherung verursacht. Ganz wichtig ist – das gibt uns auch das Gedenken auf – immer etwas Misstrauen an uns selbst zu haben. Was denken wir eigentlich von den jeweils markierten Anderen? Wie gehen wir eigentlich mit denen um, die wir als anders betrachten, und wie und wann machen wir Menschen im Alltag zu Anderen? Ich schließe noch mal mit einem Zitat von Volkhard Knigge. Er erinnert noch einmal daran, dass es um die Würde des Menschen geht und um „die Solidarität der Menschen zu anderen Menschen als Menschen“. Und da sind wir beim Kern dessen, was der Faschismus zerstört hat und dessen, was wir hoffentlich nie wieder haben werden.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

 

Viertes Musikstück von Jürgen Löscher eine "1. Etüde aus den ´48 Etüden für Klarinette´"

Bild4: Jürgen Löscher an der Klarinette

Informationen zu den Musikbeiträgen

 

Erstes Musikstück

"Sarabande" aus der 2. Cello-Suite (aus den 6 Suiten für Cello) von Johann Sebastian Bach gespielt (in einer eigenen Übertragung für die Bassklarinette, die aber ganz nah am Original ist).

Eine Sarabande ist ein sehr langsames, getragenes Stück, hier ist die Tempoangabe "Largo", also sehr langsam. Diese Sarabande aus der 2. Suite in D-Moll ist ein gleichzeitig feierliches, aber auch etwas melancholisches und wie ich finde auch sehr ernstes Stück. Damit wollte ich zur Eröffnung der Gedenkveranstaltung mit einer feierlichen Stimmung in diese einführen.

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Zweites Musikstück

"The Wedding Waltz" des jüdischen Komponisten Jerry Sperling (*1929). Sperling lebt in New York, wo es bedingt durch viele jüdische Einwanderer und deren Nachfahren seit dem 19 Jahrhundert, von denen viele aus Osteuropa stammen, eine starke chassidische Tradition des Judentums gibt (stärker als z.B. in Israel). Die typische Musik der Chassiden war bzw. ist die Klezmer-Musik und dieser Tradition folgend komponierte Sperling viele solcher Melodien. Die jüdischen Traditionen in Osteuropa wurden durch die Ermordung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis praktisch völlig ausgelöscht, so dass die ´Chassidim´, ihre Traditionen und ihre Musik nur durch Flucht und im Exil überlebten. Vor diesem Hintergrund verbindet sich die Klezmer-Musik für mich besonders intensiv mit dem Holocaust, da sie eben die prägende musikalische Tradition der ausgelöschten osteuropäischen chassidischen Juden war. Allerdings muss man wissen, dass die Klezmer-Musik in Israel selber keine große Bedeutung hat, da in Israel nur vergleichsweise wenig Chassidim leben. Die größten chassidischen Gemeinden finden sich heute in den USA, vor allem in New York.

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Drittes Musikstück

Freie Improvisation. In dieser Improvisation habe ich versucht, mit den weiten und bisweilen extremen Klangmöglichkeiten der Bassklarinette musikalisch den von Karl Boland umrissenen geschichtlichen Faden aufzugreifen, der ja von der Weimarer Republik direkt nach der Machtergreifung der Nazis zum "Dritten Reich", dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust weiter führt. Insofern wollte bzw. musste ich den eher ´schönen´ Melodien der anderen Stücke einen klanglich harten Kontrast gegenüber stellen.

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Viertes Musikstück

1. Etüde aus den "48 Etüden für Klarinette" von Alfred Uhl ausgewählt. Der Titel Etüde weist ja üblicherweise auf reine Finger- und Technikübungen hin, steht aber musikgeschichtlich auch oft für anspruchsvolle und melodisch ausgereifte Konzertmusik, wie z.B. die Klavier-Etüden von F. Chopin. So auch bei Uhl, der mit der 1. Etüde ein Stück komponiert hat, dass sehr weite und ruhige Melodischen Bögen über spannend kontrastierende harmonische Wendungen geschrieben hat. Da ich diese Gedenkveranstaltungen immer sehr aufwühlend und verstörend empfinde - was sie auch sein sollen -, wollte ich mit diesem Stück einen ruhigen und besinnlichen Ausklang setzen.

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zum Thema >>> 18.06.2011 - Stadtrundfahrt „Stätten der Erinnerung in Mönchengladbach"

Nora Hespers

Ein Blog über das Leben des Widerstandskämpfers Theo Hespers und seiner Nachfahren von Nora Hespers.

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Matthias Strolz im Parlament von Österreich

"Europa braucht eine Seele!"

Dauer: 10:01min

14.06.2018

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We are like the autumn´s leaves - Driven over dusty roads -

Ausschnitt Klosterkirche16 02 2018

Text: Dirk Hespers sen.

Melodie: Dirk Hespers jun.

aufgeführt am 16.02.2018

in der Klosterkapelle Franzikanerkirche St. Barbara (Mönchengladbach)

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