Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
Lebensverhältnisse
ist aber nur dann praktisch
durchführbar, wenn ihr eine
neue Gesinnung zu Grunde liegt."
Theo Hespers 1938

18.06.2011 - Stadtrundfahrt „Stätten der Erinnerung in Mönchengladbach"

In der Zeit von 15.00 bis 18.00 Uhr fuhren wir am 18.06.2011 12 Stationen im Stadtgebiet an. Die Stadtrundfahrt wurde von uns kostenlos angeboten. 

Referent: Karl Boland (Politologe)

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1. Station: Rathaus Rheydt

rathaus rheydtAuf der Treppe des Rathauses Rheydt hielt Dr. Joseph Goebbels, Minister für Volksaufklärung und Propaganda, am 23. April 1933 eine Rede vor sehr vielen Bürgerinnen und Bürgern, die sich auf dem Markplatz vor ihm versammelt hatten.  

Goebbels war nach Mönchengladbach-Rheydt gekommen,

um seine Ehrenbürgerurkunde, die er vom Rat der Stadt zugesprochen bekommen hatte, entgegen zu nehmen. Man erwartete

in Rheydt von dem gerade vier Wochen im Ministeramt tätigen Joseph Goebbels als „Sohn der Stadt Rheydt“ (er war hier im Jahr 1897 geboren und auch zur Schule gegangen), dass er sich zu der im Jahr 1929 erfolgten und in Rheydt äußerst unpopulären Zusammengemeindung von Mönchengladbach und Rheydt äußern würde. Dies tat er auch, indem er am Rande seiner Rede die Trennung der Städte für die nächste Zukunft ankündigte. Dafür bekam er riesigen Beifall aus der Menschenmenge auf dem Platz. Tatsächlich sorgte Goebels durch seine Kontakte zum Preuss. Ministerpräsidenten Hermann Göring für die Wiederausgemeindung Rheydts zum 1. August 1933. Diese in den Augen der Rheydter als „Befreiung“ vom angeblichen Joch der Gladbacher gesehene Tat verschaffte Joseph Goebbels eine dauerhaft ausgesprochen große Popularität als Mitglied der neuen NS-Reichsregierung in der Bürgerschaft der Stadt Rheydt.

2. Station: Gedenkstein für die ehem. jüdische Synagoge in Rheydt an der Wilhelm-Strater-Straße

juedischer gedenkstein wilhelm strater strDie Synagoge der jüdischen Gemeinde in Rheydt wurde in der Pogrom-Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von SS- und SA-Aktivisten demoliert und anschl. in Brand gesteckt. Propagandaminister Dr. Goebbels hatte den Befehl von München aus reichsweit in dieser Nacht zum offenen Angriff auf die jüdische Bevölkerung und ihre Gotteshäuser an die lokalen Parteiführungen gegeben, weil nach dem gewaltsamen Tode eines deutschen Botschaftsrates in Paris dies als „Angriff des Weltjudentums“ gedeutet und nun die „legitime Rache“ des deutschen Volkes angesagt war. gedenktafel  synagogeEbenfalls die Synagoge in Mönchengladbach ging in dieser Nacht in Flammen auf. Hierfür steht der Gedenkstein neben der Stadtbibliothek an der Blücherstrasse. Neben den Synagogen wurden reichsweit auch Privatwohnungen und Geschäftslokale von Juden durch SA- und SS-Angehörige zerstört, viele jüdische Menschen misshandelt und einige gar ermordet. Seit dieser sog. „Kristallnacht“ wurden die Juden in Deutschland nicht nur diskriminiert, aus ihren Geschäften und Firmen gedrängt und zur Auswanderung genötigt, sondern von Staats wegen offen körperlich angegriffen und verfolgt.

3. Station: Gelände der Ev. Stiftung Hephata an der Rheydter Straße

hephataDie ev. Einrichtung „Hephata“ in Mönchengladbach stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und gehört zu den ganz frühen Heil- und Pflegeanstalten für Menschen mit geistiger Behinderung. Früher nannte man sie „Idiotenanstalten“. In Mönchengladbach wohnten auf dem Gelände nur Männer mit geistiger und anderen Behinderungen. Die Innere Mission der ev. Kirche hatte sich bereits im Jahr 1930 dazu entschieden, eine Politik der Sterilisation von sog. Erbkranken auch gegen deren Willen mitzutragen und begrüßte deswegen das von der NS-Regierung im Sommer 1933 verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Ab 1934 wurden in der Anstalt Hephata ca. 255 Personen sterilisiert und zwar in der Regel im ev. Bethesda-Krankenhaus in Mönchengladbach, weil sich die kath. Krankenhäuser mit Erfolg dagegen verwahrten, diese Eingriffe ausüben zu müssen. Die NS-Maßnahmen der sog. Euthanasie, also der systematische Mord an Menschen mit geistiger Behinderung, wurde dagegen von der Anstaltsleitung in Hephata bekämpft bzw. nach Möglichkeit hintertrieben. Trotzdem wurden viele Bewohner in den Kriegsjahren von den grauen GEKRAT-Bussen abgeholt und über sog. Zwischenanstalten in die Tötungseinrichtungen wie z.B. Hadamar gebracht. Etwa 180 der Bewohner von Hephata wurden auf diesem Wege ermordet.

4. Station: Wohnhaus von Theo Hespers an der Brunnenstraße

theos wohnhaus brunnenstrAuf der Brunnenstraße 116 hat Theo Hespers mit seiner Ehefrau Käthe, geb. Kelz, und ihrem Sohn Dietrich gewohnt. Das Haus ist bei einem Luftangriff im zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. Im Frühjahr 1933 wurde Theo auf dem Heimweg von Freunden gewarnt, dass die Gestapo das Haus umstellt hatte und auf ihn wartete. Er machte sofort kehrt und ging zu seinem Eltern- und Geburtshaus am Kämpchen 1 – stolperstein dort befindet sich auch der Stolperstein für ihn – von wo er in die Niederlande floh.

5. Station: Speicker Bahnhof an der Landgrafenstraße

Von diesem heute stillgelegten ehem. Güterbahnhof aus wurden in den 1940er Jahren zahlreiche jüdische Frauen, Kinder und Männer mit der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager des NS-Staates transportiert.

6. Station: Ehem. Provinzial-Fürsorgeerziehungsanstalt der Rheinprovinz auf dem heutigen Nordparkgelände an der Aachener Straße

ehem fuersorgeerzeihungsanstaltRheinische Provinzialverwaltung – Vorgänger des heutigen Landschaftsverbandes Rheinland – errichtete in den Jahren vor dem I. Weltkrieg zahlreiche große Anstaltsgebäude für Menschen mit psychischen Erkrankungen, geistiger Behinderung und für sog. schwererziehbare Kinder und Jugendliche. So entstanden die Kliniken in Viersen-Süchteln, Bedburg-Hau und im Jahr 1909 auch die Fürsorge-Erziehungsanstalt für 300 katholische, männliche Kinder und Jugendliche auf der Holter Heide vor Rheindahlen (dem heutigen Nordparkgelände). Zeitgleich mit der Fürsorge-Erziehungsanstalt in Krefeld-Fichtenhain und einer Einrichtung in Solingen. Diese Heime galten in der Bevölkerung als „Vorstufe zum Knast“ und beherbergten zum Zwecke der Zwangserziehung u.a. Kinder aus den sozialen Unterschichten. In den Weimarer Jahren kommt es zu Aufständen der Jugendlichen in diesen Heimen – aber auch zu einer reformpädagogischen Bewegung. Das NS-Regime stoppte diese Bewegung und ersetzte die Erziehung durch militärischen Drill, drakonischen Strafen und die Praxis der Zwangssterilisierung an sog. „unerziehbaren Jugendlichen“, denen man erbliche Minderwertigkeit unterstellte. In der Anstalt Rheindahlen wurden von 1934 an ca. 60 Jungen zwangssterilisiert. Vor dem Krieg wurde die Anstalt aufgelöst und an die Reichsluftwaffe verkauft, die dort einen militärisch genutzten Flughafen betrieb.

7. Station: Ehem. Zentrale des Volksvereins für das katholische Deutschland an der heutigen Kyffhäuserstraße

volksverein august pieper strDer Volksverein für das kath. Deutschland war 1890 gegründet worden und wurde vor dem I. Weltkrieg mit ca. 600.000 Mitgliedern der stärkste Verein im Deutschen Reich. Weil der Vorsitzende des Volksvereins, der Textilfabrikant und Zentrumspolitiker Franz Brandts in Mönchengladbach wohnte, wurde auch vor dem I. Weltkrieg die große Zentrale des Volksvereins mit Verlag und Druckerei in Mönchengladbach erbaut. Der Volksverein erlebte in den Weimarer Jahren seinen organisatorischen und wirtschaftlichen Niedergang, betätigte sich aber ab ca. 1930 sehr engagiert gegen den Nationalsozialismus. Die zur Herrschaft gekommene Nazi-Partei stufte den Volksverein als „staatsfeindliche Organisation“ ein und beschlagnahme das gesamte Vermögen zugunsten des Preußischen Staates. Die Zentrale in Mönchengladbach wurde noch 1933 geschlossen und 1934 verlegte man dorthin für eine Zeit die NSDAP-Kreisparteizentrale für Mönchengladbach-Rheydt. Dies war als symbolische Eroberungshandlung zu verstehen im Kampf der lokalen NSDAP gegen den sog. „politischen Katholizismus“. 

8. Station: Ehemaliges Gesundheitsamt an der Steinmetzstraße

ehem gesundheitsamtIm kommunalen Gesundheitsamt liefen nach der NS-Machtübernahme die Fäden des staatlich organisierten Rassismus zusammen. Hier wurden vom Amtsarzt die Gutachten für die Anträge zu einer Zwangssterilisation von angeblich Erbkranken angefertigt und an das zuständige Erbgesundheitsgericht gegeben. Für Mönchengladbach war dies dem örtlichen Amtsgericht angegliedert. Im Gesundheitsamt wurden auch die Fürsorgerinnen der Stadt damit beauftragt, bei ihren Besuchen in Familien Ausschau nach Kindern zu halten, die man aufgrund angeblicher „erblicher Minderwertigkeit“ für Kandidaten des Verfahrens zur Zwangssterilisation hielt. Insbesondere die Entlasslisten der örtlichen Hilfsschule (heute Förderschule) überprüfte man in dieser Hinsicht. In Mönchengladbach und Rheydt sind in den Jahren 1934 bis 1938 ca. 600 Menschen zwangssterilisiert worden. Davon allein 255 Bewohner der Anstalt Hephata.

9. Station: Haus der ehem. Gladbacher Gewerbebank an der Albertusstraße und Standort der NSDAP-Kreisparteizentrale ab 1938

ehem nsdap kreisparteizentraleIm Zuge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs des kath. Volksvereins Ende der 20er Jahre wurde auch die Gladbacher Gewerbebank mit in den Bankrott gerissen. Zahlreiche Sparerinnen und Sparer aus dem Mönchengladbacher Mittelstand verloren damit ihre Einlagen. gedenktafelDie lokale Nazi-Partei machte daraus eine spektakuläre Skandalgeschichte gegen den verhassten „politischen Katholizismus“ (als solchen sah man den Volksverein, der sich entschieden gegen den Aufstieg der Nazi-Partei engagiert hatte) und strengte einen großen Schauprozess gegen die leitenden Personen des Volksvereins an. Die Angeklagten wurden aber zum Verdruss der NSDAP vom Gericht nicht verurteilt. Im Jahr 1938 verlegte die lokale NSDAP in dieses Gebäude der ehem. Gewerbebank ihre Kreisparteizentrale.

10. Station: Hochkreuz-Kriegerdenkmal auf dem Städt. Hauptfriedhof an der Peter-Nonnenmühlen-Allee

hochkreuz hauptfriedhofIm Herbst 1932 wurde in Mönchengladbach (vor dem heutigen Dorint-Hotel) ein Kriegerdenkmal der Veteranenvereine des I. Weltkrieges fertig gestellt, aber erst im Frühjahr 1933 offiziell eingeweiht. Der monumentale „Löwe“ aus Muschelkalkstein stand auf einem hohen Postament und war definitiv den „Helden von 1914-18“ gewidmet. Die lokale Nazi-Partei war mit diesem Denkmal unzufrieden, weil damit den „Gefallenen der Bewegung“, die in der sog. Kampfzeit als SA-Leute zu Tode gekommen waren, nicht gedacht wurde. Deswegen wurde im Frühjahr 1934 auf dem städt. Hauptfriedhof an der Peter-Nonnenmühlenallee ein Hochkreuz eingeweiht, das vom Metallunternehmer Heinrich Weller gestiftet war. Das Motiv auf einem stilisierten Sarkophag war eine verkleinerte Kopie des auf der Golzheimer Heide in Düsseldorf um 1930 errichteten „Schlageter-Hochkreuzes“ der deutschnationalen Verbände (nach dem Krieg gesprengt; heute ist dort das Messegelände). Albert Leo Schlageter war im Frühjahr 1923 dort vom belgischen Besatzungsmilitär standrechtlich erschossen worden, weil er Anschläge auf die belgische Regiebahn während der Ruhrbesatzung verübt hatte. hochkreuz inschriftDa es über die Widmung des Hochkreuzes unter den Beteiligten offensichtlich Streit gab, wurde im Sinne eines Kompromisses die Aufschrift „Für alle“ auf das Denkmal angebracht. Damit waren die „feldgrauen und braunen Helden des Weltkrieges“ gemeint. Während die Veteranen ihren Heldengedenktag alljährlich am „Löwen“ feierten, traf sich dazu die lokale Nazi-Partei künftig mit den Wehrmachtsangehörigen am Hochkreuz. Heute wird dort immer noch jeweils am Totensonntag im November den Opfern der Weltkriege gedacht (welchen ?), während der „Löwe“ im Zuge einer Straßenverbreitung Anfang der 1960er Jahre abgebrochen und in eine Grube auf dem Hauptfriedhof gekippt wurde. 

11. Station: Ehrenmal für Theo Hespers auf dem Städt. Ehrenfriedhof an der Viersener Straße

ehrenmalgrossTheo Hespers ist am 9. September 1943 von den Nazis in Berlin-Plötzensee ermordet worden. Es hieß offiziell: Seine Leiche wäre verbrannt und die Asche an unbekannter Stelle verstreut worden um keinen Märtyrer zu schaffen. Tatsache ist jedoch – wie wir in den letzten Jahren durch Recherche erfahren haben – dass die Ermordeten der Berliner Pathologie zu Forschungszwecken übergeben haben, danach im Krematorium verbrannt und die Urnen auf Berliner Friedhöfen vergraben worden. Bisher ist es leider nicht gelungen, den Ort zu finden an Theos Urne vergraben wurde. Deshalb hat er auf dem Städt. Ehrenfriedhof kein Ehrengrab sondern ein Ehrenmal

12. Station: Grabanlage für ehem. Zwangsarbeiter auf dem Städt. Hauptfriedhof über die Birkenallee

zwangsarbeiter graeberUm die massenhafte Einberufung von Arbeitskräften aus Landwirtschaft, Bergbau und Industrie zu kompensieren, entschied sich das Nazi-Regime, sofort mit Kriegsbeginn 1939 im großen Stil ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit im Reichsgebiet einzusetzen. Nach wenig erfolgreichen Versuchen der freiwilligen Anwerbung von zivilen Arbeitskräften, setzte eine rigorose Zwangsrekrutierung vorwiegend von sehr jungen Frauen und Männern ein. Insgesamt wurden ca. 7 Mio. Frauen und Männer zwangsweise zur Arbeit ins Reich deportiert. Damit die „blutlichen Gefahren“ angeblich rassisch minderwertiger Menschen aus Polen und der Sowjetunion für die deutsche Volksgemeinschaft minimiert werden konnten, wurden diese Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in Baracken kaserniert, bewacht und schwer diskriminiert. Auf sexuelle Kontakte zu deutschen Frauen stand die Todesstrafe durch öffentliches Erhängen. In Mönchengladbach und Rheydt kamen aufgrund der weniger hohen rüstungswirtschaftlichen Bedeutung des Wirtschaftsraumes vergleichsweise wenig Zwangsarbeiter zum Einsatz – gleichwohl waren es insgesamt ca. 8.500 ZivilarbeiterInnen und ca. 2.700 Kriegsgefangene. Durch Bomben, Krankheit, Unfälle und Selbstmord kamen ca. 260 Frauen, Männer und Kinder zu Tode und sind vorwiegend auf Grabanlagen auf den städt. Friedhöfen Viersener Str. und Preyerstr. bestattet worden. Leider fehlt bis heute ein entsprechende Hinweis- bzw. Gedenktafel.