Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
Lebensverhältnisse
ist aber nur dann praktisch
durchführbar, wenn ihr eine
neue Gesinnung zu Grunde liegt."
Theo Hespers 1938

27.01.2011 - Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Bundespäsident Roman Herzog hatte den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt, um „eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt und jeder Form der Wiederholung entgegenwirkt“.

Am Donnerstag, den 27. Januar 2011 um 19.00 Uhr begrüßte Propst Dr. Albert Damblon (Katholische Kirche) im Namen des Mönchengladbach Bündnis: "Aufstehen! - Für Menschenwürde - Gegen Rechtsextremismus" die zahlreich gekommenden Mitbürgerinnen und Mitbürger Mönchengladbachs in der City-Kirche am Alter Markt. Erschiehnen waren u.a. auch Vertreter des Stadtrates, der Sozialverbände und anderen Instutionen. Aus technischen Gründen musste die Veranstaltung direkt nach Beginn in das Lese-Cafe der City-Kirche verlegt werden. Jedoch konnte durch das dortige Zusammenrücken auch dort, dem Gedenkttag entsprechend, eine spürbare Atmosphäre entstehen. Großen Anteil hieran hatten die Mezzo-Sopranistin Nina Schneider und die Pianistin Natascha Soboljva. Lesen Sie nun die Gedenkansprachen von Propst Dr. Albert Damblon und Pfarrer Wolfgang Hess (Evangelische Kirche) und das bemerkenswerte Referat von Ferdinand Hoeren (Bündnissprecher und Vorsitzender der Theo-Hespers-Stiftung e.V.).

zuvor: Musikalisches Gedenken
Dos kelbl
von Jtschak Katsenelson 
Katsenelson schrieb das Lied vom Kälbchen unter dem Eindruck seiner Deportation aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Ausschwitz. Ein trauriges Lied (Fabel) dessen Text wohl jeder kennt.
Propst Dr. Albert Damblon:
Manchmal fragen mich Leute, ob es überhaupt noch Gedenkveranstaltungen für die Opfer der National­sozialisten geben muss. 66 Jahre nach Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wollen sie die Akte ein für allemal schließen. Vielleicht lassen sie sich gerade noch informieren, aber richtig erinnert werden wollen sie nicht. Wer sich erinnert, holt das Leid der Opfer nach innen an sein Herz. Dagegen lässt sich leicht ohne Erinnerung leben. Es muss auch einmal gut sein, lautet der übliche Slogan des Vergessens. Zynisch wird es, wenn behauptet wird, die Zeit heile alle Wunden. Zynismus ist nach dem Duden eine grausame, beleidigende Weise des Spotts. Damit wird den Opfern noch einmal vorgeführt, wie die Täter waren. Grausam, mit einem lächelnden Gesicht schlugen sie leidvolle Wunden. Nein, diese Wunden heilt keine Zeit der Welt. Wer ermordet worden ist, bekam keine Chance mehr geheilt zu werden, und die Überlebenden litten unheilbar ein Leben lang.
'Wir Deutsche haben dauerhaft Verantwortung für Ausschwitz' sagte Christian Wulff als erster deutscher Bundespräsident, heute am Gedenktag im ehmaligen KZ Ausschwitz!
Am 10. März hält der Zug der Erinnerung in Mönchengladbach. Allein 1,5 Millionen Kinder sind in Reichsbahnzügen zu den Vernichtungslagern trans­portiert worden. Sie mussten in den Zug einsteigen, weil ihre Eltern Juden, Sintis, Romas oder Gegner der Nationalsozialisten waren. Ihnen war keine Rückfahr­karte versprochen worden. Ihr Reiseziel war der Tod. Mein Großvater war in der fraglichen Zeit Lokführer bei der Reichsbahn. Ich weiß nicht, wie seine Dienst­pläne damals ausgesehen haben. Die Familie scheint es vergessen zu haben. Vergessen ist für mich heute kein Umgang mit der Katastrophe. Wer darf die Millionen Kinder und Erwachsene mitleidlos ver­gessen? Für Christinnen und Christen ist das Erinnern wesentliches Lebens- und Glaubensprinzip. Gerade das Erinnern der Leidensgeschichten liegt ihnen be­sonders am Herzen, steht doch die Leidensgeschichte des Juden Jesus im Zentrum ihrer Hoffnung auf Er­lösung. Dem deutschen Zeitgenossen verheißt Ver­gessen Erlösung. Keine Schuld, kein Mitleid! Schon Nietzsche hat es gewusst: Selig sind die Vergess­lichen! Dagegen heißt es in der Bibel: Selig sind die Trauernden. Denn angesichts des Schreckens jener Jahre ist mir Gedenken fast zu wenig. Wir haben zu trauern. Die Erinnerung an damals lässt darüber er­schrecken, wie in unserem Land einmal Gott und Mensch abhanden gekommen sind. Deshalb wird der Zug der Erinnerung ein Zug des Erschreckens. Die Deutsche Bahn täte gut daran, die Gedenktafel für die 481 Deportierten, die im Gladbacher Hauptbahnhof einsteigen mussten, so schnell wie möglich dort anbringen zu lassen."
Musikalisches Gedenken
oj dortn, dortn ibern wasserl 
Sehr bekanntes jüdisches Liebslied
Ferdinand Hoeren
Bundespräsident Roman Herzog hat den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus erklärt, um „eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt und jeder Form der Wiederholung entgegenwirkt“.

Auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat diesen Tag 2005 zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt, dem Tag der Befreiung im Konzentrationslager Auschwitz.

Deshalb wollen auch wir heute aller Opfer des Nationalsozialismus  gedenken und dabei unsere Gedanken besonders auf die Opfer richten, die aus unserer Stadt stammen.

Hitler hatte seine „Weltanschauung“ uns seine „Ziele“ in seinem Buch „Mein Kampf“ offen gelegt. Im Mittelpunkt steht seine „Rassenlehre“. Danach gäbe es höherwertige und minderwertige Rassen. Nur die „arische“ Rasse hätte in der Geschichte die großen Leistungen erbracht. Der Kern dieser „arischen“ Rasse seien die Germanen, aus denen als Kernvolk die Deutschen hervorgegangen wären. Aus dieser Gleichstellung „arisch-germanisch-deutsch“ leitete Hitler einen Anspruch der Deutschen auf eine Führungsrolle in der Welt ab. Immer drohe die Gefahr einer Vermischung der Rassen. Deshalb sei es wichtig, das „Rassenbewusstsein“ zu pflegen, das „deutsche Blut rein zu halten“, damit die „arische“ Rasse auch künftig bestehen und ihren Herrschaftsanspruch durchsetzen könne.

Die größte Gefahr für die „arische“ Rasse sei jedoch die „semitische“. Im Judentum seien die Kräfte des Bösen und Zerstörerischen verdichtet. Dort säßen die großen Kulturzerstörer in Geschichte und Gegenwart. Es gäbe eine „jüdische Weltverschwörung“. Ihre Waffen seien Demokratie, Parlamentarismus, Marxismus, Kommunismus, Pazifismus und Liberalismus. Mit ihnen betreibe sie die „Zerstörung“ des deutschen Volkes. An allem Negativen wären die Juden schuld.

Seinen „Lebenskampf“ könne das deutsche Volk nur bestehen, wenn es dafür den notwendigen „Lebensraum“ habe. Diesen könne es nur im Osten finden, wo es rassisch minderwertige Völker – die Slawen – gäbe, die als Sklavenvölker für die deutschen „Herrenmenschen“ bereitstünden.

Aus dieser menschenverachtenden und irrigen Ideologie erklärt sich das gesamte verbrecherische Verhalten des Diktators Hitler und seiner Naziherrschaft.

So begann schon wenige Tage nach der Regierungsübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 die absolute Machtergreifung.

Am Abend des 27. Januar 1933 brannte der Reichstag. Hitler ließ sofort verkünden, die Kommunisten hätten den Brand gelegt als Signal für den Umsturz. Noch in derselben Nacht trat die Notverordnung „zur Abwehr kommunistischer Gewaltakte“ in Kraft und setzte die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft. Nun konnten Zeitungen, Radiosendungen und Versammlungen verboten, Briefe geöffnet, Telefongespräche abgehört und alle Gegner und Kommunisten rechtmäßig verhaftet werden. Die Kommunistische Partei wurde verboten und es begann ihre systematische Verfolgung. Sie wurden in so genannte „Schutzhaft“ genommen, gefoltert und bei weiterer politischer Betätigung zu Freiheitsstrafen verurteilt oder in Konzentrationslager überführt. Das ist auch in unserer Stadt so geschehen, und 5 von ihnen sind dabei ermordet worden. Sie waren die ersten Opfer.

Am 23.März 1933 brachte Hitler das „Ermächtigungsgesetz“ im Reichstag ein. Es ermächtigte Hitler, ohne die Mitwirkung der Abgeordneten Gesetze zu erlassen. Das war die Abschaffung der Demokratie, der Totenschein der Weimarer Republik. Nur die SPD-Abgeordneten stimmten dagegen. Daraufhin wurde auch die SPD verboten und wie die Kommunisten verfolgt, was auch in unserer Stadt für alle führenden Sozialdemokraten gilt. Die restlichen Parteien lösten sich selbst auf. Es blieb nur noch die NSDAP

Der 1. Mai wurde zum Feiertag erklärt und groß gefeiert. Aber am 2. Mai wurden die Gewerkschaftshäuser besetz – auch in unserer Stadt – die Gewerkschaften zerschlagen, ihr Vermögen beschlagnahmt und ihre Funktionäre verhaftet.      .

Damit war die Gleichschaltung der gesamten Bevölkerung eingeleitet.

Es folgte am 10. Mai 1933 die Bücherverbrennung und kurz danach die Beschlagnahmung der so genannten „Entarteten Kunst“. Der Weg in die Barbarei hatte begonnen.

Trotz Abschluss des Reichskonkordates im Juni 1933 wurden sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche bespitzelt und in ihrer Arbeit zunehmend eingeengt.

Dies gilt besonders für Mönchengladbach, dem Sitz des Volksverein für das katholische Deutschland. Spätestens nach dem Volksvereinsprozess im Dezember 1933 regte sich katholischer Widerstand. Im Lauf der Jahre wurden aus Mönchengladbach rund 100 Katholiken – fast ausschließlich Priester, Nonnen und Mönche – verhaftet. 10 von ihnen wurden ermordet.

Bei den Protestanten ging der Widerstand von der Bekennenden Kirche aus, der ab Juli 1934 ebenfalls von den Nazis konsequent verfolgt wurde. Die Bekennende Kirche hat 15 Mönchengladbacher Todesopfer zu beklagen.

Ab 1935 nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gerieten die „Zeugen Jehovas“ ins Blickfeld der Gestapo, da sie grundsätzlich den Wehrdienst verweigerten und weder die Verbote noch die Gebote des NS-Staates anerkannten. Sie wurden von den Nazis gnadenlos verfolgt. In unserer Stadt gab es 17 Zeugen Jehovas, die alle verfolgt und bestraft worden sind. 4 von ihnen bezahlten mit ihrem Leben.

Von Anbeginn der Naziherrschaft wurde gegen die Juden und alles Jüdische öffentlich gehetzt, sie wurden diffamiert und in ihrem alltäglichen Leben eingeschränkt. Ihre Situation verschärfte sich deutlich ab 1935 nach Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze und verschlimmerte sich immer mehr bis 1938. Mit dem 9. November 1938, der Pogromnacht, setzte dann die offene und brutale Gewalt ein. Auch in Mönchengladbach brannten die Synagogen.

In unserer Stadt lebten 1933 rund 1 200 deutsche Juden. Manche von ihnen sind in den Jahren bis Kriegsbeginn weggezogen zum Beispiel wegen Arbeit oder Heirat. Viele von ihnen sind ab 1935 und zunehmend ab 1938 ausgewandert. Ab 1941 wurden aus unserer Stadt in sechs Transporten 610 deutsche Juden in die Todeslager deportiert. Von ihnen haben nur 27 überlebt. Der Holocaust hat aus unserer Stadt mindestens 583 Todesopfer gefordert. Es ist die größte Opfergruppe.

Die Zweitgrößte Gruppe sind die Euthanasieopfer. Das griechische Wort bedeutete in der Antike „der schöne leichte Tod durch einen Arzt für unheilbar Kranke“. Für die Nazis jedoch war es die Vernichtung von so genanntem „unwertem Leben“ im Sinne der Rassenhygiene. Betroffene waren Deutsche, nach Nazidefinition geistig, körperlich oder sozial Behinderte, hauptsächlich Kinder und Jugendliche. Ihre Ermordung begann ab 1939. Es waren aus Hephata 180 und aus dem Josefshaus 357, also 527 insgesamt.

Die drittgrößte Gruppe war die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Gefangene zuerst nach Kriegsbeginn im Herbst 1939 aus Polen und ab Sommer 1941 hauptsächlich aus Russland. Sie mussten bei mangelhafter Ernährung in unhygienischen Unterkünften als Untermenschen schwere Sklavenarbeit verrichten. Von den in unsere Stadt Deportierten sind hier 222 zu Tode gekommen.

Die Gruppen der Roma und Sinti sind ebenfalls von den Nazis verfolgt worden. und zu weit über 50 % ins KZ gekommen, wo auch sehr viele von ihnen ermordet worden sind. Über sie gibt es für Mönchengladbach keinerlei Unterlagen oder Zahlen.

Hinter dem Begriff Volksopposition verstecken sich zum Beispiel Frauen und Männer, die Witze über, gehässige Bemerkungen zu oder Beleidigungen von Hitler, anderen Nazigrößen oder der Partei geäußert haben sowie Hilfen für Juden oder Zwangsarbeiter getätigt haben. Dazu gab es in unserer Stadt rund 80 Strafverfahren, viel mit Haftstrafen, einige mit KZ und 3 Todesopfer.

Als Einzelpersonen aus Mönchengladbach sind noch zu nennen: Der kritische deutsche Dichter Gottfried Kapp, der in der Gestapo-Haft ermordet worden ist und der Widerstandskämpfer Theodor Hespers, der Mordopfer der Nazis in Berlin-Plötzensee wurde.

Wir haben in oder aus unserer Stadt mindestens 1 371 Todesopfer der beispiellosen, menschenverachtenden und verbrecherischen NS-Diktatur zu beklagen. Von ihnen wurden 39 wegen ihrer religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung ermordet, alle anderen aus rassistischen Gründen.

Wir erinnern uns heute an sie und gedenken ihrer Leiden.

Orte des Gedenkens in unserer Stadt sind:

Die Gedenktafel der Stadt für alle Opfer des Nationalsozialsozialismus am ehemaligen Sitz der NSDAP-Kreisleitung, Ecke Albertus- und Kaiserstraße,

die 222 Gräber der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem städtischen Hauptfriedhof, auf dem städtischen Friedhof in Rheydt und auf dem Alten Friedhof in Rheindahlen,

auf dem städtischen Hauptfriedhof, die 18 Gräber von KZ-Opfern und das Ehrengrab für Theo Hespers,

die Gedenkstätten am Ort der ehemaligen Synagogen in Mönchengladbach, Rheydt und Odenkirchen

sowie die 189 Stolpersteine am letzten Wohnsitz der jüdischen Holocaust-Opfer und weitere 22 Stolpersteine für ermordete Juden, die am 25. März 2011 verlegt werden.

Es gibt also noch einiges zu tun.

Theo Hespers hat in seiner Widerstandszeitschrift „Kameradschaft – Schrift junger Deutscher“ 1939 in seinem Artikel „So wollen wir Deutschland“ geschrieben: „Die Erneuerung der Lebensverhältnisse ist aber nur dann praktisch durchführbar, wenn ihr eine neue Gesinnung zu Grunde liegt.“

Diese Gesinnung legten die Vereinten Nationen 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fest und Deutschland 1949 im Grundgesetz, dessen erster Artikel mir dem Satz beginnt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Aber Ende der sechziger bis Anfang siebziger Jahre mussten wir erleben, dass die NPD in viele Gemeinderäte und einige Landtage einzog. Das war ein Erfolg der alten Nazis, der Ewiggestrigen. Diese Bewegung hat sich aus Altersgründen biologisch erledigt.

Doch ab 1990 nehmen rechtsextreme Parolen, rechtsextreme Gruppierungen und rechtextreme Gewalttaten zu. Seit 1990 müssen wir leider bundesweit laut Amadeu-Antonio-Stiftung 149 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt beklagen.

In den letzten Jahren verbreiten sich rechtsextreme Parolen nicht nur bei uns immer mehr sondern auch in großen Teilen Europas. In einigen Ländern sind sie gepaart mit erschreckenden Wahlergebnissen.

Bundespräsident Roman Herzog wollte das Gedenken als eine Form des Erinnerns, dass der Wiederholung entgegenwirkt.

Wir müssen erkennen, dass Menschenrechte und Demokratie keine Naturgesetze sind sondern, dass jede Generation in ihrem Land sie immer wieder pflegen und bewahren muss.

Das Mönchengladbacher Bündnis: „Aufstehen! – Für Menschenwürde – gegen Rechtsextremismus“ stellt sich dieser Aufgabe und tritt allem Gedankengut und jeglichen Bestrebungen entschieden entgegen, seien sie antisemitischer, chauvinistischer, diktatorischer, fremdenfeindlicher, nationalsozialistischer oder sozialdarwinistischer Art. Wir fordern unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger auf, uns dabei zu unterstützten.

Ich will heute und hier in der City-Kirche damit schließen, dass ich persönlich hoffe, dass uns dazu Gott immer die notwendige Kraft verleiht.“

Musikalisches Gedenken

Schtil, di nacht is ojsgeschternt
Text und Melodie: Hirsch Glik (1944)
Der Dichter Hirsch Glik kam 1943 nach der Liquidierung des Wilnaer Ghettos in das KZ Goldfeld, wo er alsMitglied einer Widerstandsgruppe 1944 umkam. Das Partisanenlied "Schtil, di nacht" schrieb er kurz vor seinem Tod.

 Pfarrer Wolfgang Hess

Wir erinnern uns heute an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, an unsägliches Leid, an himmelschreiendes Unrecht, an eine Bosheit und Niedertracht, die alles, was wir über die besondere Sendung des Menschen dachten, zunichte macht.

Und deshalb hören wir auch heute am 27.1.2011, 66 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die mahnende Stimme Berthold Brecht's, der 1955 in seiner Kriegsfibel schrieb: Ich wollte, dass ihr nicht schon triumphiert: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.'

Wir erinnern uns, weil wir aus unserer Geschichte lernen wollen. Weil wir Antworten suchen, wie wir miteinander leben wollen in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Welt. Und weil wir erkannt haben, dass es nur eine Lehre aus dieser unserer Geschichte geben kann, die da heißt: Nie wieder! Nie wieder eine Rassenlehre. Nie wieder ein Gefühl von rassischer und nationaler Überlegenheit. Nie wieder eine scheinbar gottgegebene Berechtigung zur Hetze, zum Totschlag, zur Erhebung über das Recht.

Nie wieder - ist das eine, das wir heute zu bekräftigen haben. Das andere ist die Bitte um Vergebung.

Nach der Zerstörung der Kathedrale von Coventry (England) am 14./15 November 1940 durch deutsche Bombenangriffe ließ der damalige Dompropst die Worte „Father Forgive" in die Chorwand der Ruine einmeißeln. Diese Worte bestimmen das Versöhnungsgebet von Coventry. Das Gebet wurde 1959

formuliert und wird seitdem an jedem Freitag um 12 Uhr unter freiem Himmel im Chorraum der alten Kathedrale in Coventry gebetet. Mit diesem Gebet möchte ich unser Gedenken beschließen:

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: Vater, vergib!

Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht ihr eigen ist : Vater, vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet: Vater, vergib!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen: Vater, vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge: Vater, vergib!

Die Entwürdigung von Frauen, Männern und Kindern durch sexuellen Missbrauch: Vater, vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott: Vater, vergib!"

Musikalisches Gedenken

Ss brent, Brider, 'ss brent

Das Lied »'Ss brent, Brider, 'ss brent« ist 1938 in Polen gedichtet und komponiert worden, und zwar vom Mordechaj Gebirtig, der in Krakau geboren wurde. Auch in Polen gab es Pogrome gegen die Juden. Unter dem Eindruck solcher Pogrome entstand das Lied, das noch fürchterlichere Pogrome überlebte.
Im November 1938 brannten die Synagogen in Deutschland. (...)