Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
Lebensverhältnisse
ist aber nur dann praktisch
durchführbar, wenn ihr eine
neue Gesinnung zu Grunde liegt."
Theo Hespers 1938

28.06.2003 - Symposium / Referat: Jugendkulturen und Gewalt

Vorklärungen zum Stichwort Jugendkulturen

Jugendkulturen sind ein neuzeitliches, ein modernes Phänomen, das erst im 20. Jahrhundert seine Ausprägungen erfahren hat. Es begann bei der ersten Jugendkultur, dem Wandervogel in Steglitz, und endet in der Gegenwart mit den Variationen des Techno und Rap.

Jugendkulturen repräsentieren in ihrem Handeln und Verhalten einen Überschuss, etwas, was über das an Normen und Werte angepasste Verhalten der Erwachsenen hinausgeht, ein Surplus der Kritik, der Infragestellung, des Widerspruchs oder auch nur der Unangepasstheit, wenn sich dieses Surplus in Aggression und Gewalt manifestiert.

Dieser Überschuss ist die Grundlage für beides, einerseits Kritik, Infragestellung und Widerspruch als Voraussetzung einer Weiterentwicklung der Gesellschaft, andererseits ist es auch die Basis für Aggression, Gewalt und Zerstörung.
Dieser Überschuss, den die Jugendkulturen in der Moderne darstellen, er ist das kreative Potential menschlichen Handelns. Dieser Überschuss ist das, was über die rationale Zwecksetzung und Sinnorientierung des Handelns hinausweist. Der Mensch, allemal der Jugendliche, ist mehr als der rationale Zweck seiner Handlungen.

Jugendkulturen machen damit auf etwas aufmerksam, was grundsätzlich für das menschliche Handeln gilt.

Denn vorausgesetzt werden muss eine kritische Handlungstheorie, die sich von der üblichen, von Max Weber, Talcott Parsons und Jürgen Habermas entwickelten Handlungstheorie absetzt und nicht teleologisch, indem sie den Sinn menschlichen Handelns im Begriff des Handelns bereits voraussetzt, konstruiert wird. In Anlehnung an Hans Joas, sind es drei Bedingungen, die diesen Überschuss, der über das rational-vernünftige Handeln hinausgeht, manifestieren.
1. Die Voraussetzung, das Subjekt sei zum zielgerichteten Handeln fähig, ist eine im Menschenbild verankerte Unterstellung, die sich konkret erst erweisen müsse und nicht einfach vorausgesetzt werden könne.
2. Die Vernunft als das steuernde Moment der Zweckorientierung ist nicht identisch mit dem Körper des Menschen als Gesamtheit des Empfindens.
3. Zweckrationalität setzt ein isoliertes Individuum voraus, das gegenüber seinen Mitmenschen und der Umwelt autonom ist, was eine Fiktion darstellt.

Dieser handlungstheoretische Überschuss, der sich im Handeln der Jugendkulturen manifestiert, ist das, was über das rationale und normative Handlungsmodell hinausgeht. Es ist Ausdruck dessen, was Hans Joas die das rationale und normativ orientierte Handeln übergreifende Theorie des kreativen Handelns nennt. Allerdings dürfen wir den Begriff der Kreation oder des Kreativen nicht einseitig positiv besetzen. Wir müssen ihn in der Ambivalenz von Destruktion und Produktion und von Zerstörung und Herstellung sehen. So könnte man sagen, in den Jugendkulturen zeigt sich allemal das Menschliche, aber nicht immer zugleich die Menschlichkeit.

2. Vorklärung: Zur Unterscheidung von Aggression und Gewalt

Aggression ist eine psychische Disposition (Antrieb/Motivation). Ihre Erforschung ist im Fach Psychologie verankert.

Gewalt ist eine soziale Konstruktion (Macht/Herrschaft). Ihre Erforschung ist in der Soziologie und Politologie verankert.

Aggression hat eine physiologische/pränative/unbewusste Basis. Der Körper reagiert (mit der Geburt) auf Körperreize des Mangels (Atmung, Saugen, Wärme, Kälte). Gleichzeitig entsteht in einem Parallelprozess im Körper die Psyche als der innere Empfindungsraum durch die sinnliche Wahrnehmung (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten). Sprache, Gedächtnis und Erinnerung sind Ausdrucksmittel der Psyche.

Für die Ausprägung der Aggressionsbereitschaft ist das Zusammenspiel von physiologisch, pränativer, unbewusster Basis und das soziale Geschlecht ein entscheidender Faktor. Jungen lernen über das Geschlecht Formen der „Männlichkeit“ und Aggressionsbereitschaft. Mädchen lernen über das Geschlecht Formen der „Weiblichkeit“ und damit Fürsorge, Anpassung und Zurückhaltung.

Das männliche/weibliche Aggressionsverhalten kann mit dem Spektrum der Lerntheorien erschlossen werden. Entscheidend ist dabei, dass Aggressivität in allen Entwicklungsstadien „gelernt“ wird. Keine Lerntheorie hat einen Alleinvertretungsanspruch.

Lerntheorien, die erklären, wie Aggressivität gelernt werden kann:

1. Bedingter Reflex ’ unbedingter Reflex S-R = Stimulus-Response-Theorie (Pawlow)
2. Lernen durch Erfolg/Verstärkung (Operantes Konditionieren) (Thorndike/Skinner)
3. Imitatives Verhalten/Lernen am Vorbild (Bandura)
4. Kognitive Lerntheorien

Aggression (aggredi, lat.: herangehen)
Aggression ist also kein angeborenes Instinktverhalten, sondern ein im weitgehenden Maße gelerntes Verhalten. Instinkt ist dagegen ein festgelegtes Verhaltensmuster, eine Reaktion auf bestimmte Außen- und Innen-, d.h. Körperreize (Revierverteidigung, Jagdverhalten, Flucht, Abwehr von Angriffen und anderem). Die Geschichte des Menschen beginnt mit der Überwindung des Instinktverhaltens. Sie beginnt gleichzeitig dort, wo der Übergang von einem Naturzustand zur Kultur (Sprache und Schrift) undzugleich zur Religion (Ersatzgewalt gegen das Opfer) stattgefunden hat. Dieser Übergang ist nicht genau zu datieren (500.000 v.Chr. - 10.000 v.Chr.). Mit dem Beginn von Geschichte und Kultur beginnt der Anspruch an den Menschen, gewaltfrei zu handeln.

Gewalt (von mittelhochdeutsch „waltan“: Herrschen, Macht ausüben) ist eine soziale Konstruktion.

Gewalt ist keine objektive Tatsache, sondern eine soziale Konstruktion, die von der Definition der Beteiligten abhängig ist. Die Kontrolle der Gewalt wird durch das staatliche Gewaltmonopol (Polizei, Militär) geregelt. Es gibt eine negativ etikettierte Gewalt (gegen Machtlose, Behinderte, Schwächere und andere) und eine positiv etikettierte Gewalt, die vom staatlichen Gewaltmonopol ausgeht.

Erstes Fazit: Zur Verknüpfung von „Jugendkulturen“ und „Aggressionen/Gewalt“

In Jugendkulturen manifestiert sich ein ambivalenter Überschuss, den wir handlungstheoretisch als kreatives Handeln gefasst haben, mit dem rationales und normatives Handeln überwölbt und überdacht werden, oder, besser gesagt, wenn wir es genetisch fassen: In Jugendkulturen manifestiert sich ein kreatives Handeln, das dem rationalen und normativen handeln vorausgeht und unterlegt ist.
Aggression und Gewalt sind vom Verhaltenstyp her betrachtet auch ein überschüssiges Verhalten, jenseits des rationalen und normativ richtigen Handelns. In der Gewalthandlung steht der Gewalttäter teilweise neben sich, er verliert die Kontrolle, weiß nicht, was er tut.
In Jugendkulturen manifestiert sich also ein ambivalenter Überschuss, der sein direktes Pendant in der Gewalthandlung Jugendlicher findet. Die Gewalthandlung ist immer überschüssig, ein Zuviel, eine fehlende Kontrolle, mangelnde Beherrschtheit und Angemessenheit.
Wenn ich im Folgenden von Gewalt spreche, meine ich die körperlich-physische, handgreifliche Gewalt im wörtlichen Sinne, die sich besonders in manchen Jugendkulturen manifestiert.

3. Welche Jugendkulturen sind gewaltorientiert?

Betrachten wir das Spektrum von Wandervogel bis Techno, dann ist deutlich, dass die Mehrzahl der Jugendkulturen sich von handgreiflicher Gewalt distanziert hat. Das gilt für die Wandervögel, die Bündische Jugend, die Swings, die Jazz-Fans, die Hippies und die Variationen des Techno sowie die Formen des Rap.

Gewaltorientierung zeigt sich seit den Skins der sechziger Jahre, den Punks der siebziger Jahre, sie zeigt sich in der Fußball-Fan-Kultur, besonders seit der Medialisierung des Fußballs in den sechziger Jahren, sie existiert in der Tradition der Rocker, bei den Hooligans der achtziger Jahre, in den Stadtteil-Cliquen der Migrations-Jugendlichen, besonders der zweiten Generation, und in den rechtsradikalen Jugendszenen seit den achtziger Jahren.

Gewaltorientierung meint hier in der Regel eine direkte Handgreiflichkeit, eine Bereitschaft zum Kräftemessen, zur Revierverteidigung, zur Schlägerei mit der Folge der schweren und leichten Körperverletzung.

Die Gewaltorientierung ist aber im Blick auf die genannten Gruppen selbst noch zu differenzieren. Die Jüngeren, die sich bewähren müssen, stehen neben den Älteren, die sich in der Hierarchie oben befinden und Gewalthandlungen nicht mehr zur Profilierung benötigen oder diejenigen, die ihren Ausstieg aus der Szene bereits ins Auge gefasst haben. Denn, was für die gesamte Jugenddelinquenz gilt, gilt auch hier, Gewaltorientierung ist eine Episode, in der Regel findet zwischen dem 25. und 30. Jahr der Übergang in das Leben der „Normalität“ statt.

Im Blick auf den Verlauf der Geschichte der Jugendkulturen kann man - mit gewisser Vorsicht - eine Bildungs-Bias anlegen. Diejenigen, die die Schulen höherer Bildung erfolgreich durchlaufen haben, sind in der Regel weniger an Gewalt orientierte Jugendkulturen. Das gilt für die Wandervögel, die Bündische Jugend, die Swings, die Hippies, große Teile der Technoszene und des Rap. Am anderen Pol dieser Bias finden sich diejenigen, die im Bildungssystem auf der Strecke geblieben sind oder aus bildungsfernen sozialen Schichten abstammen. Für sie gilt die Handgreiflichkeit der Gewalt auch häufig noch in der Erziehung der Familien. Sie setzen in den Cliquen und den gewaltorientierten Jugendkulturen das fort, was sie zuhause erleben und erlebt haben.

4. „Männlichkeit und Männlichkeitsbilder“ in gewaltorientierten Jugendkulturen

Männlichkeit hatte ihren Sitz im Leben in der agrarischen und industriellen Schwer- und Körperarbeit der Männer, die dadurch die Versorgung, den Schutz und die Ernährung der Familienmitglieder gewährleistet haben. Diese Männlichkeit findet und fand ihren deutlichsten Ausdruck in den patriarchalen verwandtschaftlich geprägten Stammesgesellschaften. Als Leitbild von Männlichkeit hat sie sich bis in die Gegenwart der Hochindustrialisierung in bestimmten sozialen Milieus und bei Jugendkulturen erhalten.

Es sind drei Fähigkeiten, die ein richtiger Mann besitzen muss. Er muss Nachwuchs erzeugen können, er muss die Gemeinschaft vor realen und phantasierten Angriffen und Bedrohungen schützen können, und er muss Frau und Kind versorgen können. All das muss er in der Öffentlichkeit als Möglichkeit demonstrieren, zur Schau stellen, zeigen.

Prüfen wir, in welchen Gruppen diese Vorstellung von Männlichkeit sich besonders deutlich zeigt, dann sind es - in Anlehnung an Joachim Kersten - drei Szenen: die Stadtteil-Cliquen von Deutschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die Hooligans und die rechte Skinszene. Sie haben dieses Männlichkeitsideal zur Grundlage, unterscheiden sich aber dennoch in Bezug auf einzelne Merkmale, die in der folgenden Tabelle dargestellt sind.

Sichtbarkeit erzeugen die Cliquen in ihrem Stadtteil, ihrem Territorium. Die Hooligans entziehen sich der offenen Sichtbarkeit der Stadionüberwachung, dennoch wären sie ohne Fußball nicht sichtbar, nicht vorhanden. Die „rechten“ Skins sind besonders an den „Festtagen“ gut sichtbar. Auch wenn die Bedeutung ähnlich ist, dennoch gibt es deutliche Unterschiede. Während sich die Verteidiger des Territoriums wie die „jungen Krieger“ der Stammesgesellschaft empfinden, ist der Hooligan im Prinzip Einzelkämpfer, Mann gegen Mann. Die Skins dagegen empfinden sich eher als die schweren Landser, die ihren Mann stehen, nicht weichen und wanken, mit deutlichem Bezug zur Kampfgemeinschaft der Randständigen und Verlierer. Auch die Attribute und Werte sind unterschiedlich aufgeladen. Während „Ehre“ und „Treue“ die Grundtugenden der Verteidiger der Hood (Gemeinschaft) sind, ist es für den Hooligan eher wichtig, Geschicklichkeit und Schnelligkeit zu zeigen, sowie auszuweichen und die Situation richtig einzuschätzen. Die Skins lösen die „Treue“ von dem Bezug auf eine Person und beziehen sie auf die Nation, der richtige Stolz gilt Deutschland als nationaler Gemeinschaft des imaginären Volkes.

In allen drei Varianten artikulieren sich Wünsche und Träume der Vergangenheit, dessen, was verloren ist. Der Stadtteil braucht keine jungen Krieger zu seinem Schutz, der Hooligan könnte seine Wünsche nach Anerkennung und Körpererfahrung auch in anderen körperlichen Formen des Risikosports erfahren, die Ehre der deutschen Nation ist nicht die nationale oder rassische Gemeinschaft, sondern sie erwächst aus der Einhaltung der Prinzipien des Rechtsstaats, der Gewaltfreiheit und der Toleranz.

So drücken die Männlichkeitsbilder den Wunsch aus, den vergangenen Zustand in Form einer imaginären Lösung - wenigstens in der Phantasie - wiederherzustellen.

Fußball, Fan-Kultur und Gewalt in einer Stammesgesellschaft Indonesiens (1995)

Ein Ethnologie, Karl-Heinz Kohl, hat sich im Jahr 1995 zu einem einjährigen Forschungsaufenthalt auf die Insel Flores in Indonesien begeben. Nach ersten Schwierigkeiten des Kontakts, weil ihn die Einheimischen für einen Agenten der katholischen Kirche hielten, gewann er bald Freunde und viel Zutrauen und wurde in die traditionellen Riten des Stammes eingeweiht. Es gab bereits Wellblechdächer neben den alten Bambushütten, es gab Jeans und mit amerikanischen Marken bedruckte T-Shirts, es gab aber auch die religiösen Bräuche und Opferriten.

„Im August 1995 jährte sich der Tag der Proklamation der Unabhängigkeit Indonesiens zum fünfzigsten Mal. Im ganzen Land wurde dieses Jubiläum festlich begangen. In unserem Regierungsbezirk hatte die Lokalregierung aus diesem Anlaß einen Fußballwettbewerb ausgelobt und einen eigenen Bezirkspokal gestiftet. Von den katholischen Missionaren schon vor vielen Jahrzehnten eingeführt, ist das Fußballspiel auch heute noch die populärste Sportart.
Wie früher die Krieger, so trafen sich die Fußballspieler und ihr Trainer am Vorabend des Spiels in der Korke, einem auf Pfählen errichteten Kulthaus in der Mitte des Dorfes, um in ihr gemeinsam die Nacht zu verbringen. In der Korke vereinigen sich nach den religiösen Vorstellung zwei fruchtbare, aber auch grausame Gottheiten, die Erdgottheit Tana Ekan und die Himmelsgottheit Rera Wulan. Zweck der Separation der Spieler ist, an der Macht der beiden Gottheiten teilzuhaben. Auch dient sie der Vermeidung des Kontakts zu ihren Frauen, da man glaubt, daß er sie die Hitzigkeit kosten könnte, die sie für den Wettkampf benötigen.

Am folgenden Morgen versammelten sich die Ältesten vor dem Haus des Erdherrn. In festgefügten ritualsprachlichen Wendungen fragten sie den Orakelpriester nach den Verfehlungen, die sich die Dorfbewohner gegenüber den Gottheiten und Ahnen hatten zuschulden kommen lassen. Für jede Versündigung wurde ein kleines Opfer dargebracht. Auch die Gunst der Schutzgeister des gegnerischen Dorfes versuchte man durch Nahrungsgaben für sich zu gewinnen.

Die Ältesten baten die übermächtigen Wesenheiten, die Spieler zu beschützen und ihnen Kraft zu verleihen. Dann schlachteten sie ein Küken, um mit seinem Blut den Fußball zu bestreichen. Die jungen Spieler traten einzeln vor, um sich vom Erdherrn und den Ahnen segnen zu lassen. Die Mittagszeit war bereits gekommen, als sich die Spieler in ihren gelb- schwarzen Trikots und ihren Adidas-Fußballschuhen hinunter zum Strand begaben, um die drei Schiffe zu besteigen, die sie zusammen mit den Zuschauern nach Aiwatan auf der anderen Seite der Meeresbucht bringen sollten. Fast das ganze Dorf schloß sich ihnen an. Nur einige Dorfälteste zogen es vor, den Landweg zu nehmen und den fast vierstündigen Weg zu Fuß zu gehen. Drei von ihnen hatten in der Nacht schlecht geträumt und fürchteten, daß den Schiffen auf der Überfahrt ein Unglück widerfahren würde. Andere deuteten die schlechten Traumgesichte dagegen als Vorzeichen dafür, daß das Derby in einem großen Streit enden würde.

Auf dem Fußballplatz von Aiwatan wurden sie schon von der gegnerischen Mannschaft erwartet. Die lokalen Regierungsvertreter, für die am Rande des Feldes ein Sonnenschutzdach aufgeschlagen worden war, ließen sich freilich Zeit und eröffneten das Spiel erst, nachdem sie die beiden Mannschaften eine gute Stunde in der Hitze der Nachmittagssonne hatten schmoren lassen. Endlich konnte das Spiel beginnen. Der Schiedsrichter war dabei am meisten gefordert. Denn er hatte nicht nur über die Einhaltung der internationalen, sondern auch der einheimischen Regeln zu wachen. Einer der Dorfältesten von Aiwatan hatte sich hinter das Tor seiner Mannschaft gestellt. Unser Trainer legte dagegen heftigen Protest ein. Da der Mann als zauberkräftiger Heiler bekannt war, glaubten unsere Spieler, daß er durch seine besonderen Kräfte jeden erfolgreichen Torschuß verhindern würde. Als er schließlich um des guten Friedens willen freiwillig wich, erzielte Lewomae tatsächlich den ersten Treffer.

Mit den einheimischen Regeln hingen offensichtlich auch die Unterbrechungen zusammen, zu denen es vor jedem Einwurf kam. Ich hatte zunächst mit Verwunderung registriert, daß sich nach jedem Aus ein kleiner Streit darüber entspann, mit welchem Fußball weitergespielt werden sollte. Der Grund lag freilich auf der Hand. Jede Mannschaft wollte mit dem Ball spielen, der von ihren eigenen Dorfältesten gesegnet worden war. Als der Schiedsrichter zur Halbzeit abpfiff, hatte Lewomae bereits einen Vorsprung von 2:0 Toren erzielt. Die Alten nutzten die Pause, um den Spielern Betel und scharfen Ingwer in den Mund zu schieben. Von den vielen Ritualen, die dem Spiel bereits am Vormittag vorangegangen waren, von der Überfahrt und dem Warten in der Sonne müde, ließen sie in der zweiten Halbzeit trotz Betel und Ingwer erheblich nach. Zwei Minuten vor dem Ablauf der regulären Spielzeit erzielte die gegnerische Mannschaft ihren ersten Treffer. Schon bei früheren Entscheidungen hatte sich der Schiedsrichter parteiisch gezeigt. In dieses Bild paßte es nur, daß er trotz der lautstarken Proteste der Zuschauer aus unserem Dorf gar nicht daran dachte, das Spiel nach der neunzigsten Minute abzupfeifen.

Die eigentliche Spielzeit war schon eine knappe Viertelstunde vorbei, als es den Spielern von Aiwatan gelang, den Ausgleichstreffer zu erzielen. Unsere Alten aber wollten sich das nicht gefallen lassen. Sie sammelten große Steine auf und warfen sie auf den Schiedsrichter, bis er blutend zusammenbrach. Während die Männer von Lewomae unter Führung ihrer Klanoberhäupter und Ältesten das Wettkampffeld stürmten, lieferten sich an dessen Rand die Mädchen beider Dörfer mit langen Bambusstangen Gefechte. Es wäre sicher noch zu mehr Opfern gekommen, hätte der einzige anwesende Dorfpolizist nicht zu seiner Maschinenpistole gegriffen und ein paar Salven über die Menge gefeuert. Gemeinsam mit unseren Fußballspielern flohen wir zum Strand und bestiegen unsere drei Schiffe. Auch die Alten, die zu Fuß gekommen waren, schlossen sich dieses Mal an. Die Gefahr eines Schiffsunglücks war ja nun offensichtlich gebannt. Es hatten die recht behalten, die in den schlimmen Träumen Vorzeichen eines großen Streites gesehen hatten.

Der Fußballwettbewerb dauerte noch drei weitere Wochen. Von diesem und einem weiteren Unentschieden abgesehen, gewann Lewomae alle Spiele. Nach dem letzten siegreichen Match konnte die Fußballmannschaft den Bezirkspokal heimtragen. Ihr Einzug vom Strand zum Dorf gestaltete sich zu einem einzigen Triumphmarsch. Die Frauen hatten ihre besten Kleider angelegt, um die Sieger singend und tanzend zu begrüßen. Vor dem Eingang zu jedem der vier Dorfquartiere waren Triumphbögen errichtet worden, unter denen die Klanältesten warteten und die Spieler mit Ansprachen in der überlieferten Ritualsprache empfingen. "Die Republik hat uns die Freiheit und den Frieden gebracht", so begann beim abendlichen Festbankett einer der Dorfschullehrer die offizielle Festrede, "und kämpferisch und siegreich sind wir geblieben. Anstelle der Schädel unserer Feinde tragen wir heute in feierlichem Zug den Fußballpokal durch unser Dorf.“

Fazit

Es ist eine Geschichte, die nicht nur verwunderlich, irritierend und merkwürdig ist, sondern an der sich auch viel zur Geschichte der Gewalt lernen lässt:

Wir leben nicht in der einzigen bestehenden Welt, sondern die Stammesgesellschaften Asiens, Afrikas, Südamerikas, des Balkans und der Randzonen Russlands, sie alle leben und bewältigen die Wirklichkeit in ihren Traditionen und Gesetzmäßigkeiten ihrer Stämme. Wie eine dünne Firniss sind sie lediglich von den Massenkulturen des Westens überdeckt, deren Normen nicht stabil sind und jederzeit im Konflikt zusammenbrechen können.

Nationale Fußballspiele sind - wie haben es schon immer geahnt - ein Ersatz für das, was in den Stammesgesellschaften die Fehde war. Die Spieler sind hier noch im Grunde die jungen Krieger, auch wenn sie bereits Trikots und Adidas-Schuhe tragen.

Erd- und Himmelsgottheiten, das Dorf-Mittelpunktshaus als rituelles Zentrum der Männer und ihre Riten: es sind alles noch kultisch-religiöse Handlungen, in denen sie sich auf das Spiel vorbereiten.

Wir wissen alle, was in den westlichen Kulturen aus den Riten geworden ist und wie viel sich doch auch noch rituell erhalten hat. Der geweihte, gestreichelte und liebkoste Ball, die verewigten Schuhe des Spielers, die triumphalen Ankünfte auf den Flughäfen und in den Städten, die Empfänge auf den Balkonen, das Zeigen und Emporhaltens des Pokals oder der Schale. Diese „jungen Krieger“ auf Flores verkörpern noch unmittelbar den Überschuss, der Überschuss zeigt sich aber auch in dem Kampfgeist der Alten, die Gewalt der Steinigung springt auf das Ersatzobjekt Schiedsrichter über, alle prügeln mit, auch die Mädchen haben sofort ihre Feinde. Hier ist alles noch präsent, was in den Phantasien der gewaltorientierten Cliquen, bei den Hools, in rechten Skin-Szenen ersehnt wird. Hier hat „Männlichkeit“ noch ihren Sitz im wirklichen Leben.