Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
Lebensverhältnisse
ist aber nur dann praktisch
durchführbar, wenn ihr eine
neue Gesinnung zu Grunde liegt."
Theo Hespers 1938

Vitus-Heller-Bewegung

Vitus Heller (* 1882; † 1956),

war ein deutscher links-katholischer Publizist und Politiker zur Zeit der Weimarer Republik.
Heller gründete die radikal-pazifistische Christlich-Soziale Reichspartei.

Anders als "beim politischen Katholizismus in der Bundesrepublik Deutschland gab es unter den deutschen Katholiken zur Zeit der Weimarer Republik eine beachtliche "linke Strömung".

Diese hatte ihre Basis vor allem in Teilen der katholischen Arbeiterschaft, ansatzweise auch bei der kleinbäuerlichen Bevölkerung, und vor allem in Teilen der katholischen Jugendbewegung.

Die Positionsbezeichnung "links" bedeutete hier: Entschiedener Antikapitalismus, Fundamentalopposition gegen die preußisch-deutsche Militärtradition, Frontstellung gegen die Deutschnationalen und gegen die Nationalsozialisten, Bereitschaft zur politischen Kooperation mit radikal- sozialistischen Gruppen und auch mit Kommunisten - unter Wahrung des "weltanschaulichen Abstandes".

Aus dieser gesellschaftspolitischen Einstellung ergab sich für "Linkskatholiken" zwangsläufig auch der Konflikt mit der kirchlichen Hierarchie. Die deutschen Bischöfe waren damals nicht bereit, die oben genannten Positionen zu tolerieren.

Am eindeutigsten vertrat diese linkskatholische Position die sogenannte Vitus-Heller-Bewegung. Diese war zunächst nach dem Ersten Weltkrieg in Bayern entstanden. Unter dem Namen "Christlich-soziale Partei- Bayerisches Zentrum" widersetzte sie sich dem Rechtskurs der katholisch geprägten Bayerischen Volkspartei, die andere Wege ging als das im übrigen Deutschland wirkende "Zentrum", das den politischen Katholizismus in seiner ganzen Bandbreite zu vertreten versuchte. (Die Differenz wurde deutlich bei der Reichspräsidentenwahl 1925: Das Zentrum hatte, in .Abstimmung mit der Sozialdemokratie, seinen Repräsentanten  W. Marx als Kandidaten aufgestellt; die Bayerische Volkspartei setzte sich für Hindenburg als den Repräsentanten des Deutschnationalismus ein und gab auch den Ausschlag für dessen Wahl.)

In der Auseinandersetzung mit der Bayerischen Volkspartei dynamisierte sich die Christlich-soziale Partei unter der Führung von Vitus Heller weiter nach links hin. Sie zog linkschristliche Gruppierungen im Rheinland und in Westfalen an sich und trat ab 1926 unter dem Namen "Christlich-soziale Reichspartei" reichsweit auf, nun in Konkurrenz zur großen Zentrumspartei.

1928 beteiligte sich die Vitus-Heller-Partei mit Nikolaus Ehlen (Lebensreformer, "Siedlungsgründer", Jugendbewegter) an den Reichstagswahlen und gewann ca. 120 000 Stimmen. Insbesondere Junge Menschen aus den von der Amtskirche unabhängigen katholischen Jugendbünden (Kreuzfahrer, Jungborn, Quickborn) und aus dem pazifistischen Friedensbund Deutscher Katholiken setzten sich für die Vitus-Heller-Partei ein.

Innerhalb der Partei bildete sich eine eigene, radikal gestimmte Jugendorganisation, die Christlich-soziale Jugend. Diese gab - neben der Vitus-Heller-Wochenzeitung "Das neue Volk"-eine eigene Zeitschrift unter dem Titel "Die junge Tat" heraus«

Die maßgeblichen Sprecher der Jugendgeneration in der Vitus-Heller-Partei waren Paul Böhmer, Paul Feltrin und Theo Hespers.

Sympathien hatte die Vitus-Heller-Bewegung auch bei Zeitschriften der jugendbewegt-pazifistischen Minderheit im Katholizismus, etwa dem Monatsblatt "Vom frohen Leben".

Der Weg der Heller-Partei nach weiter links hin zeigte sich u.a.: an der Teilnahme am Volksbegehren gegen die Entschädigung der deutschen Fürsten (1926), an der Teilnahme am Volksbegehren gegen den Panzerkreuzerbau (1928), in beiden Fällen in der Zusammenarbeit mit Kommunisten und Linkssozialisten.

Die zunehmende Radikalität der Heller-Partei kam auch 1931 in einer Umbenennung zum Ausdruck, nun hieß sie "Arbeiter- und Bauernpartei Deutschlands - christlich-radikale Volksfront“.

Konsequenterweise setzte sich diese Partei bei der Reichspräsidentenwahl 1932 für den KPD-Kandidaten Thälmann - und gegen Hindenburg ein.

Die Heller-Partei -war keineswegs eine "Tarnorganisation“ der KPD, sondern eine völlig eigenständige Kraft. Sie hatte auch Konflikte mit der Parteistrategie der KPD. Zum Beispiel gab 1930 die Heller-Partei mit den Anstoß für die Herausbildung revolutionärer Bauern- und Dorfkomitees, in denen der Protest gegen die feudale und zugleich kapitalistische Agrarwirtschaft zum Ausdruck kam. Die KPD-Führung war darauf aus, diese Komitees für sich zu instrumentalisieren; die Heller-Partei widersetzte sich dem. Allerdings gab es gegen Ende der Weimarer Republik im Führungskreis der Heller-Partei Auseinandersetzungen darüber, wie eng die Zusammenarbeit mit der KPD sein dürfe. Einige Aktivisten - darunter Theo Hespers - verließen deshalb die Partei und näherten sich noch mehr der KPD. Gemeinsam war aber allen CSRP/ABPD-Aktivisten die Forderung nach einer "Einheitsfront der Schaffenden". Gemeint war damit ein Bündnis aller entschieden antikapitalistischen, gegen den Deutschnationalismus und gegen die NSDAP gerichteten Kräfte, von den Kommunisten über die Linkssozialisten bis zu den Linkskatholiken. Ein „dringender Appell zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront", der unabhängig von den Parteizentralen der KPD und der SPD Mitte 1932 initiiert wurde, trug u.a. die Unterschriften von Käthe Kollwitz, Albert Einstein, Heinrich Mann, Ernst Toller, Arnold Zweig - und eben Vitus Heller. Er blieb leider ohne Erfolg.

Die Vitus-Heller-Bewegung war stark gefühlsmäßig geprägt. Programmatische oder theoretische Finessen waren nicht ihre Sache. Ihre tragenden Elemente waren aktive, radikale Industriearbeiter und Leute aus den Jugendbünden. Es gab in der Vitus-Heller-Bewegung viele Querverbindungen zu Lebensreform-Gruppen, auch zu genossenschaftlichen Versuchen, - heute würden wir sagen: zur Alternativszene.

Es gab auch - im jugendbündischen Milieu und. bei den revolutionären Bauernkomitees  Querverbindungen zu Nationalrevolutionären, die nach links gingen und Gegner der NSDAP geworden waren. Hier sind Bodo Uhse, Bruno von Salomon - und Hans Ebeling zu nennen, zu dem es von der Heller-Bewegung her bereits beim Jugendtreffen auf der Freusburg 1927 Verbindungen gab.

Die politischen Schriften der Heller-Bewegung waren volkstümlich gehalten, sie hatten nicht den üblichen Ton der Parteiagitation.

Zu nennen sind hier u.a.: Die Broschüre "Kampf dem Kapitalismus, dem Völkerfeinde" von Josef Rüther (1919 zuerst erschienen), "Nie mehr Krieg!" von Vitus Heller (1924).

Hinzuweisen ist auf die südbayerische Wochenschrift der Heller-Partei unter dem Titel "Einheitsfront der Schaffenden". Ihre Redakteure - Hans Hutzelmann und Rupert Huber - waren Arbeiter, die im Zweiten Weltkrieg zusammen mit Kommunisten die wichtigste süddeutsche Widerstandsgruppe leiteten. Beide wurden im Januar 1945 hingerichtet. In einer Reihe anderer innerdeutscher Widerstandsgruppen waren Aktivisten tätig, die aus der Heller-Partei kamen. Mit seiner Arbeit gegen Hitler-Deutschland stand Theo Hespers im Milieu der ehemaligen CSRP/ABPD nicht allein.

Ein Konkurrent der Heller-Partei, der Zentrumspolitiker Josef Joos, hat gesagt, es handele sich hier um eine Mischung von Lenin und Franz von Assisi.

Die Mentalität der aktiven Menschen in der CSRP/ABPD ist damit gut getroffen. Sie ist nachlesbar auch in den Schriften des jugendbewegten Willi Hammelrath, der zeitweise Redakteur der Heller-Zeitung "Das neue Volk" war. Hammelrath würdigte in einem Buch, das er über seine Studienreise in die Sowjetunion schrieb, die sozialen Umwälzungen im kommunistischen Rußland; er schrieb religiöse Laienspiele für die katholischen Jugendgruppen; er wanderte mit Frau und Kind monatelang über die deutschen Landstraßen und war Sprecher beim "Kundenkonvent", dem damaligen Treffen der Landstreicher.

Man kann das Romantizismus nennen - aber es war keine unpolitische "Romantik“, und sie erwies sich als ganz realitätsnah im Widerstand gegen das "Dritte Reich". Zudem hatte der emotionale Protest, der in der Vitus-Heller-Bewegung zum Ausdruck kam, seine ganz konkreten Gründe: Die Erfahrung der brutalen Folgen von Militär- und Kapitalsherrschaft.

Die Tätigkeit der CSRP/ABPD kam wahlpolitisch wohl mehr der KPD als der eigenen Partei zugute. Die KPD hatte gerade in der katholischen Industriebevölkerung Ende der Zwanziger und Anfang der Dreißiger Jahre viel Wählerzuwachs. Diese Katholiken wählten nicht eine "Doktrin", sondern sie stimmten für den radikalen sozialen Protest. Und sie sahen in ihrer Wahlentscheidung die Option gegen den Faschismus.