Theo-Hespers-Stiftung e.V.

"Die Erneuerung der
Lebensverhältnisse
ist aber nur dann praktisch
durchführbar, wenn ihr eine
neue Gesinnung zu Grunde liegt."
Theo Hespers 1938

Selma- Cato Meyer (*6.07.1880 +11.02.1941)

selma cato meyerWiderstandskämpferin gegen Nazi-Deutschland

Sara-Cato Meyer, die von allen Selma genannt wurde, war eine der wenigen Frauen des Widerstandskreises um Theo Hespers und Hans Ebeling. Sie war holländische Jüdin und in der sogenannten „Deutschen Jugendfront“ sehr aktiv. Ohne Selma Meyer wäre die Arbeit von Theo Hespers vor allem aber von Hans Ebeling so nicht möglich gewesen.

Ganz generell ist festzustellen, dass die Erforschung des Widerstandes von Frauen noch in den Anfängen steckt. In der Forschung wird der Widerstand von Frauen meist unter dem Widerstand der Männer subsumiert. Hierbei geht der Anteil von Frauen am Widerstand oft verloren (vgl. Steinbach u. Wickert).
Und die Feststellung, dass Frauen in der Widerstandsforschung nur selten auftauchen, gilt, so muss ich leider sagen, auch für Frauen im Widerstandskreis um Theo Hespers und Hans Ebeling. Ich werde auf die Frage von Frauen im Widerstand später noch zurück kommen. Im ersten Teil möchte ich zunächst auf das persönliche und politische Leben von Selma Meyer vor der Zeit mit Hans Ebeling und Theo Hespers eingehen. Anschließend möchte ich im zweiten Teil darstellen, welche Rolle Selma Meyer in der Gruppe um Theo Hespers und Hans Ebeling gespielt hat. Im dritten Teil möchte ich versuchen, die Motive von Selma Meyer für ihr Engagement aufzeigen, die natürlich eng mit ihrer politischen Überzeugung zusammenhängen. Zuletzt möchte ich auf die Zeit nach 1940, nach dem Überfall der deutschen Truppen in Holland, eingehen.

Zuvor aber kurz zu den Quellen, die ich benutzt habe. Hauptquelle sind die Verhörprotokolle der Gestapo von Selma Meyer, Theo Hespers und anderen, die sich im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde befinden. Sicherlich können wir nicht alles, was dort steht, für bare Münze nehmen. Hinzu kommt, dass trotz dieser umfangreichen Protokolle viele Fragen offen bleiben. Wir sind also oftmals auf Vermutungen und Interpretationen des vorhandenen Materials angewiesen.

 

Selma Meyers Lebensweg vor 1937

Ich komme zum ersten Teil: Zum persönlichen und politischen Leben von Selma Meyer vor der Zusammenarbeit mit Hespers und Ebeling.
Sara-Cato Meyer, wie sie richtig hieß, wurde am 6. Juli 1890 in Amsterdam geboren. Selma Meyer war niederländische Staatsangehörige und Jüdin. Zu ihrer Religion sagt sie allerdings im Verhör: “Meine Mutter ist mosaischen Glaubens, vom Vater weiß ich die Religionszugehörigkeit nicht. Ich gehöre keiner religiösen Gemeinschaft an. Ich fühle mich nicht als Jüdin.“
In späteren Verhören sagt Selma Meyer zwar, sie sei auch wegen ihrer Herkunft als Jüdin gegen die Nazis gewesen. Eine gläubige Jüdin ist sie aber nicht gewesen.

Von ihrem 6. Bis 12. Lebensjahr besuchte Selma Meyer eine Privatschule in Amsterdam, danach die Handelsschule, die sie 1908 im Alter von 18 Jahren abschloss. Anschließend arbeitete sie für über zehn Jahre als Stenotypistin in verschiedenen kaufmännischen Betrieben.

Im Jahr 1921 ging sie ein halbes Jahr auf Reisen. Sie besuchte die Schweiz, Italien, Frankreich und Deutschland. Auf diesen Reisen konnte sie auch ihre Sprachfähigkeiten vervollständigen:  Neben ihrer Muttersprache Niederländisch  sprach Selma Meyer Deutsch, Englisch, Französisch und etwas Italienisch.

Im Jahr 1923 oder 1924 übernahm sie,  zunächst zusammen mit einer Geschäftspartnerin, das Holland Typing Office in Amsterdam. Das Holland Typing Office war ein Druck-, Schreib- und Versandbüro. Im Jahr 1939 waren hier über 40 Mitarbeiter beschäftigt.
Selma Meyer war also eine erfolgreiche Unternehmerin und das in einer Zeit,  als dies für Frauen noch ungewöhnlicher war als heute. Ich stelle mir Selma Meyer deshalb als eine selbstbewusste  und emanzipierte Frau vor, die wusste, was sie wollte.

In ihrem Holland Typing Office war ab Mitte 1938 die Redaktion der Zeitschrift „Kameradschaft – Schriften junger Deutscher“ untergebracht, das Sprachrohr des Widerstandskreises um Theo Hespers und Hans Ebeling. Der Gestapo-Bericht über die „Deutsche Jugendfront“  stellte fest, dass das Holland Typing zur „Zentrale“ des Widerstandskreises wurde.

Selma Meyers politische Überzeugung und Tätigkeit

Bevor ich jedoch auf die Zusammenarbeit von Selma Meyer  mit Ebeling und Hespers eingehe, möchte ich zunächst etwas  zu den politischen Überzeugungen und der politischen Betätigung von Selma Meyer  vor 1937 sagen, das heißt zu der Zeit, bevor sie Ebeling und Hespers kennen lernte.

Ähnlich wie über die Persönlichkeit von Selma Meyer wissen wir auch über ihre politischen Ansichten nicht sehr viel. In den Gestapo-Protokollen finden sich nur wenige zum Teil widersprüchliche Aussagen zu ihrer politischen Überzeugung.
In einem Verhör sagt Selma Meyer über sich: “Ganz allgemein gesagt, bin ich pazifistisch und sozialistisch eingestellt.“
An anderer Stelle geht es um ihre Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei der Niederlande von 1930 bis 1936. Hierzu sagt sie:  „Da ich stets ein Mitgefühl für die Bedrückten und hilfsbedürftigen Menschen hatte, gehörte ich einige Zeit der Sozialistischen Partei Hollands als zahlendes Mitglied an. Ich habe mich jedoch nie aktiv betätigt.“   Warum sie 1936 ausgetreten ist, wissen wir nicht.

Neben ihrer Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei der Niederlande sticht eine politische Aktivität von Selma Meyer besonders hervor, nämlich ihr Engagement für die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“.  Hierauf möchte ich etwas ausführlicher eingehen.
Im Jahr 1923 trat Selma Meyer der „Pazifistischen Frauenliga“  bei. Die Pazifistische Frauenliga  war die niederländische Sektion der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit.
Die 1915 gegründete Internationale Frauenliga setzte sich – setzt sich bis heute – für eine allgemeine Abrüstung, die Abschaffung von Gewalt, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und die Lösung von Konflikten durch Verhandlungen ein.  Die Liga versuchte damit,  an der Verhinderung von Kriegen mitzuwirken. Die erste Vorsitzende dieser Vereinigung, die Amerikanerin Jane Addams, erhielt für Engagement 1931 den Friedens-Nobel-Preis.
Hervorgegangen war diese Liga aus der „Internationalen feministischen Bewegung für das Wahlrecht von Frauen“.  Viele der Gründerinnen glaubten, dass durch die Teilhabe von Frauen an Politik, nicht nur auf nationaler Ebene die sozialen Probleme gelöst werden könnten,  sondern auch internationale Kriege verhindert werden könnten.
Zu Beginn der 1930ger Jahre wandte die Frauenliga ihre Aufmerksamkeit immer stärker dem aufsteigenden Faschismus und den daraus erwachsenen Gefahren für den Frieden zu.
Während einiger Jahre war Selma Meyer die Sekretärin dieser Organisation in den Niederlanden. Und im Jahr 1937 war sie niederländische Delegierte bei einem Treffen der Liga in Genf. Durch ihre Mitgliedschaft in der Liga besaß Selma Meyer vielfältige internationale Kontakte. Diese Kontakte nutzte sie auch, um Jugendlichen aus dem Umkreis der bündischen Jugend bei der Flucht aus Deutschland behilflich zu sein.
Auch wenn es immer schwierig ist, von der Mitgliedschaft eines Menschen in einer Organisation auf seine politischen Überzeugungen zu schließen , so denke ich doch, dass Selma Meyer mit den Zielen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit weitgehend übereinstimmte.  Denn auch diese Organisation stand  für Pazifismus und soziale Gerechtigkeit – zwei Begriffe, die ja Sema Meyer auch benutzte, um ihre politische Überzeugung zu charakterisieren.
Daneben spielte für Selma Meyer die Hilfe für Bedrückte und hilfsbedürftige Menschen, wie sie sich selbst ausdrückt, eine wichtige Rolle.  So ist den Verhörprotokollen zu entnehmen, dass Selma Meyer auch einer Reihe von Flüchtlingen aus Deutschland geholfen hat, die nichts mit der bündischen Jugend oder dem Widerstandskreis um Theo Hespers und Hans Ebeling zu tun hatten.
Auch den schwächsten Opfern des Spanischen Bürgerkriegs, den Kindern, half Selma Meyer. In einem Verhör sagte sie dazu: “ Ich gehöre auch dem Komitee `Hilfe am spanischen Kind` an. Aufgabe war, in Südfrankreich, in Rotspanien und in National-Spanien Kinderheime zu errichten. Da aber National-Spanien in Holland nicht vertreten war, kam in erster Linie die Unterstützung  der rotspanischen Seite zu gute.  In National-Spanien hatten die Quäker die Wohlfahrtseinrichtungen zu betreuen. Um unparteiisch zu bleiben, habe ich beiden Zuwendungen gemacht.“
Den Kindern hilft Selma Meyer unparteiisch. Politisch allerdings ist wohl klar, auf welcher Seite sie steht, denn weiter heißt es in dem  Protokoll: “Für das Komitee `Hilfe für Spanien` habe ich Schriften hergestellt. Es ist richtig, dass dieses Komitee für Rot-Spanien arbeitete.“
Soweit zur persönlichen und politischen „Vorgeschichte“ von Selma Meyer.

Selma Meyers Arbeit im Widerstand

Ich komme nun zum zweiten Teil, in dem ich auf die Arbeit von Selma Meyer in der Gruppe um Theo Hespers und Hans Ebeling eingehe.
Insgesamt kann man feststellen, dass die Zusammenarbeit von Selma Meyer und Hans Ebeling besonders eng war. Mit Theo Hespers hatte sie nur gelegentlich zu tun, wenn dieser für die Zeitschrift „Kameradschaft – Schriften junger Deutscher“ nach Amsterdam kam.
Im Jahr 1937 hatte Selma Meyer Hans Ebeling in Brüssel kennen gelernt. In den folgenden Jahren nahm sie im Widerstand um die „Kameradschaft“ eine zentrale Rolle ein. Bei wichtigen Treffen von Ebeling und Hespers war auch Selma Meyer dabei. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die finanziellen und technischen Grundlagen für die publizistische Arbeit der „Deutschen Jugendfront“ zu schaffen (vgl. Arno Klönne).

In der dritten Etage ihres Bürohauses hatte Selma Meyer Hans Ebeling einen Raum für die Redaktion der Kameradschaft zur Verfügung gestellt. Später arbeitete dort Walter Schuckmann.
Zudem hatte Selma Meyer auf Bitte von Hans Ebeling in Amsterdam einen Drucker gefunden, der die Zeitschrift ab April 1938 anfertigte, nachdem die Herstellung in Belgien nicht mehr möglich war.
Vom Holland Typing Office aus wurde die Zeitschrift Kameradschaft ins In- und Ausland verschickt. Hier wurden außerdem auch andere Zeitschriften der Gruppe gedruckt und verschickt. Selma Meyer selbst hat Übersetzungen von Artikeln angefertigt und die Druckfahnen Korrektur gelesen.
Selma Meyer erlaubte also der Gruppe um die Kameradschaft die Benutzung von Teilen ihres Büros. Dies erst, so denke ich, ermöglichte die Herausgabe der verschiedenen Zeitschriften der „Deutschen Jugendfront“.

Das Engagement von Selma Meyer kannte auch Grenzen. Sie wollte als Geschäftsfrau die Kontrolle darüber haben, was in ihrem Büro geschah. Als Theo Hespers ohne ihr Wissen Pakete aus England in ihr Büro schicken ließ, war sie äußerst wütend und stellte ihn zur Rede. Auseinandersetzungen gab es später auch mit Walter Schuckmann. Einen Generalschlüssel, den er besessen hatte, nahm Selma Meyer ihm wider ab, als sie ihm nicht mehr recht traute.
Dies zeigt: Ihr Engagement hatte dort Grenzen, wo die anderen Mitglieder eigenmächtig über die Ressourcen ihres Büros verfügen wollten, wo ihre Rolle als Chefin des Büros betroffen war.

Neben der Bereitstellung des Holland Typing Office für die Arbeit der „Deutschen Jugendfront“ unterstützte Selma Meyer die Gruppe um Theo Hespers und Hans Ebeling auch finanziell.
Seit 1938 ließ Selma Meyer Hans Ebeling regelmäßig Geld zukommen. Auch Fahrten von Theo Hespers nach Amsterdam wegen der Herausgabe der Kameradschaft hat sie teilweise bezahlt. Sowohl Theo Hespers als auch Hans Ebeling hatte sie zudem ein Zimmer in Amsterdam besorgt. Außerdem hat sie jedenfalls zeitweise die Finanzierung der Zeitschriften übernommen, die sich recht schlecht verkauften.
Darüber hinaus hat Selma Meyer verschiedenen Mitgliedern der Gruppe oder jungen deutschen Flüchtlingen Arbeit in ihrem Schreibbüro gegeben und ihnen damit das finanzielle Überleben gesichert.
Für die „Kameradschaft“ ließ sie zudem über einen ihrer Mitarbeiter ein Postcheckkonto errichten.

Wichtiger noch als die finanziellen Hilfen waren aber vielleicht die Kontakte über die Selma Meyer verfügte. Sie war es, die Hans Ebeling mit dem niederländischen Journalisten und Redakteur Willem Verkade, der aus der niederländischen Jugendbewegung stammte,  bekannt machte. Über diese Verbindung war es möglich, das „Niederländische Komitee für junge deutsche Flüchtlinge“ zu schaffen, das einer Reihe von jungen Männern aus der bündischen Jugend die Flucht  ermöglichte. An der Arbeit dieses Komitees war auch Selma Meyer beteiligt. Sie war für die Betreuung einiger der Flüchtlinge zuständig, besorgte ihnen Unterkunft und gab ihnen Geld. Hier waren auch die bereits oben genannten internationalen Kontakte vom Selma Meyer hilfreich.
Mehrfach lud sie Mitglieder der Widerstandsgruppe zu sich nach Hause zum Essen ein. Ihre Privatwohnung und das Holland Typing Office entwickelten sich zu zentralen Treffpunkten der Gruppe.

In der Literatur wird die Arbeit von Selma Meyer oftmals nur am Rande erwähnt. Ihre Arbeit spielte sich danach nur  im Hintergrund ab. Das mag so gewesen sein. Eine der führenden Köpfe der Gruppe war sie nicht. Aber meiner Meinung nach waren ihre ideelle und materielle Hilfe und ihre Kontakte unentbehrlich für die Arbeit von Hans Ebeling. Ohne Selma Meyer und ihr Schreibbüro wäre es nicht gegangen: Wie so oft verschwinden die „Frauen im Hintergrund“ hinter den Männern. Doch ohne sie hätten die Männer wenig oder nichts tun können.

Selma Meyers persönliche Motive

Ich komme zum dritten Teil und damit zu der Frage: Wie Selma Meyer nun dazu kam, die Gruppe um Theo Hespers und Hans Ebeling zu unterstützen?  Welche Motive hatte sie, sich im Kampf gegen Nazi-Deutschland zu engagieren?
Auch dies bringt uns wieder zur allgemeinen Frage von Frauen im Widerstand. Die Berliner Journalistin Gerda Szepansky hat in ihrem Buch „Frauen leisten Widerstand“ das Lebensschicksal von mehreren deutschen Frauen, die aus ganz verschiedenen Gründen und in verschiedenen Formen Widerstand geleistet haben, untersucht.
Bei den Frauen,  mit denen Gerda Szepansky gesprochen hat, spielten politische oder religiöse Überzeugungen eine wichtige Rolle. Aber, so Szepansky :   „Ausschlaggebend waren menschliche Beziehungen. Der größte Teil der Frauen leistete einfach humanitären Widersdtand (…).“  Sie halfen zum Beispiel verfolgten jüdischen Freunden oder Angehörigen. Aber, so Szepansky weiter,  „auch dies konnte man nur, wenn man überhaupt gegen die Nazis war.“
Andere Forschungen über den Widerstand von Frauen bestätigen diese Aussage zu den Motiven von Frauen: In erster Linie waren es persönliche Gründe, die Frauen zu Widerstand veranlassten, dahinter stand aber sehr oft auch eine politische oder persönliche Überzeugung (vgl. Christl Wickert).
Insofern war der Widerstand von Selma Meyer typisch, Denn auch für sie spielten persönliche Beziehungen für ihren Einsatz eine wichtige Rolle, waren zumindest der Auslöser ihrer Tätigkeiten. Die wird im Folgenden deutlich.

Im  Mai oder Juni 1937 hatte Selma Meyer bei einem Besuch einer Cousine in Brüssel Hans Ebeling kennen gelernt. Aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich eine enge Freundschaft und beide besuchten sich öfters gegenseitig. Seit etwa Ende 1938, das habe ich oben schon kurz erwähnt, unterstützte Selma Meyer Hans Ebeling auch finanziell. Im Gestapo-Verhörprotokoll sagt Selma Meyer dazu: Als Grund für die finanzielle Unterstützung  „gebe ich an, dass sich unser Verhältnis inzwischen recht intim gestaltet hatte und ich Ebeling gern mochte. Wenn Ebeling sich in Holland aufhielt so kam es auch vor, dass er in meiner Wohnung übernachtete.“   Weiterhin heißt es dort: „Die Arbeit für die `Kameradschaft` habe ich (…) hauptsächlich Ebeling als persönlichen Gefallen getan.“  (Verhör 6.11.1940).  An anderer Stelle spricht sie davon, Hans Ebeling geholfen zu haben, „weil ich ihn liebe“.
Bestand also eine Liebesbeziehung zwischen Selma Meyer und Hans Ebeling? Theo Hespers zeichnet in seiner Aussage ein anderes Bild: „Zwischen Ebeling und der Meyer hatte sich mit der Zeit ein sehr enges und freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Soweit ich dieses Verhältnis übersehen kann, basierte es auf der gemeinsamen politischen Einstellung. Später neigte wohl Selma  Meyer noch zu einem innigeren Verhältnis hin, während Ebeling jeweils ein sehr freundschaftliches, kameradschaftliches Verhalten ihr gegenüber an den Tag legte. Ich bin aber fest davon überzeugt und weiß es auch aus den Äußerungen  Ebeling, dass das Verhältnis zwischen beiden nicht zu Intimitäten geführt hat.“  (Verhör Theo Hespers vom 2. Okt. 1940 (?)).
Wie das Verhältnis zwischen Selma Meyer und Hans Ebeling gewesen ist, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären. Klar ist jedenfalls, dass es zunächst persönliche Gründe waren, die Selma Meyer zu aktiven Teilnahme am Widerstand veranlasst haben.
Klar ist auch, dass Selma Meyer und Hans Ebeling auch politisch viele Gemeinsamkeiten hatten. Ich denke, dies ist bei der Darstellung der politischen Aktivitäten von Selma Meyer deutlich geworden. Und Selma Meyer selbst gibt in verschiedenen Verhören zu Protokoll, dass sie die politischen Ziel von Hans Ebeling weitgehend unterstützte und nicht zuletzt weil sie Jüdin war und gegen die Nazis eingestellt war.
Bei ihrem Einsatz für die jungen deutschen Flüchtlinge, so sagte sie selbst – und so beurteilte es auch Theo Hespers – spielten vor allem humanitäre Gründe eine Rolle.

Was die Beziehung zwischen Selma Meyer und Hans Ebeling  angeht, so kann man jedenfalls davon ausgehen, dass Selma Meyer wohl mehr als kameradschaftliche Gefühle für Hans Ebeling empfand.  Aufgrund der äußeren Umstände war die Beziehung zu Hans Ebeling für Selma Meyer sicher nicht leicht. Die meiste Zeit hielt Hans Ebeling sich ja in Brüssel auf. Auch wenn er manchmal nach Amsterdam kam und dort 1938 auch für einige Wochen lebte, oder Selma Meyer nach Brüssel fuhr, so hatte Selma Meyer doch nur wenig Gelegenheit ihn zu sehen.   
Ende 1939 siedelte Hans Ebeling dann nach London über. Die letzte Nachricht erhielt Selma Meyer von ihm im März 1940 aus London.

Selma Meyers Leben ab 1940

Ich komme zum letzten Teil. Im April 1940 wurde Selma Meyer krank und konnte sechs Wochen nicht ins Büro gehen. Woran sie litt, wissen wir nicht. Jedenfalls fuhr sie am 9. Oder 10 Mai 1940 nach Zeeland zur Erholung.
Kurz danach überfiel  die Deutsche Wehrmacht die neutralen Niederlande und Selma Meyer konnte nicht nach Amsterdam zurückkehren. Mit dem Flüchtlingsstrom kam sie zunächst nach Paris später in die Nähe von Toulouse.
Anfang Oktober 1940 kehrte Selma Meyer nach Holland zurück.
Wie mir die niederländische Historikerin Frau Dr. Elisabeth van Blankenstein schrieb, war der Grund für ihre Rückkehr die Sorge um ihre kranke Mutter und ihre Mitarbeiter im Holland Typing Office.

Eine Bestätigung dafür habe ich in den Akten nicht gefunden. Aber das bisher gezeichnete Bild einer Frau, die sich für andere Menschen einsetzt und sich um sie kümmert, macht es wahrscheinlich, dass es so war.

Am 26. November 1940 wurde Selma Meyer in ihrer Wohnung festgenommen und nach ersten Verhören in Den Haag Mitte November nach Berlin gebracht.

Am 16. Januar wurde Selma Meyer wegen einer „Bauchfellentzündung“ aus der Haft vorläufig entlassen und in das jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße gebracht und dort operiert. Am 11. Februar ist sie dort gestorben und auf dem jüdischen Friedhof in Berlin –Weißensee“ beerdigt worden.
Dies jedenfalls ist der Literatur zu entnehmen.
Aus dem Bericht einer Mitgefangenen, den unter anderem Dietrich Hespers erwähnt, wissen wir, dass Selma Meyer eines Nachts auf brutale Weise von der Gestapo geschlagen worden ist.  An diesen Verletzungen ist sie gestorben.
Ihr Engagement im Kampf gegen Nazi-Deutschland hat sie mit dem Leben bezahlt.

Ich komme zum Schluss und fasse zusammen.
Selma Meyer war eine Frau, die für ihre Ideale einstand und aus politischer und persönlicher Überzeugung für die Menschen und gegen das unmenschliche Regime der Nazis kämpfte. Ohne ihr Engagement wären der Widerstand insbesondere von Hans Ebeling und vor allem seine publizistische Tätigkeit nicht möglich gewesen.
Wie viele Frauen hat sie eher im Hintergrund gewirkt. Und ihre Arbeit wird  – wie die Arbeit vieler Frauen im Widerstand – häufig unterschätzt.